Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 201 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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201 Sogar Aerzte und Rechtsanwälte, die es mit den „Antizidöntien" nicht so genau nehmen." . . . Ich sah nach meiner Uhr und er hätte eigentlich merken müssen, daß ich ungeduldig wurde und mich der vertrauliche Ton seines Gespräches unangenehm berührte. Aber er schien für diese zarte Andeutung kein rechtes Verständnis zu haben, denn er sagte plötzlich: „Der Herr Rabbiner Grünbaum in Loslau war doch ein Bruder von Ihrer Frau Mutter, nicht wahr, Herr Kreisphysikus? Ich habe ihn noch sehr gut gekannt. Ich stamme auch aus Loslau. Ein feiner Mann und sehr gut und freundlich. Er war sehr beliebt in der Khille und meine selige Mutter hat immer gesagt: Seide ... die reine Seide! Ich habe auch Ihren Herrn Vater gekannt Herr Kreisphysikus, wie er einmal in Loslau gewesen ist, damals zur „Lewajeh" von Ihrem Herrn Onkel Hab' ich ihn gesehen und die Leichenrede gehört, die er gehalten hat. Wirklich großartig : . . fo rührend und ergreifend, die ganze Khille hat Thränen vergossen. Ihr Herr Vater muß ein großer Kanzelrethoretiker gewesen sein. Schade, daß er in einer so kleinen Gemeinde war, der hätte für Breslau gepaßt oder für Berlin. Gott, man kann auch auf dem kleinsten Platze Gutes wirken und das hat er gethan. Der Herr Doktor Feilchenstein, mit dem ich diesen Sommer in Johannisbad zusammen war, konnte mir nicht genug erzählen von Ihren Eltern, Herr Kreisphysikus, und was für eine fromme, brave gute Frau Ihre Frau Mutter ist. Wunder! Die Schwester von Herm Rabbiner Grünbaum aus Loslau. Und von Ihnen hat mir Doktor Feilchenstein auch erzählt. Sie wissen doch, ich meine Ihren Cousin aus Frankfurt an der Oder. Als er hörte, daß ich aus Reibnitz sei, hat er sich bald nach Ihnen erkundigt und mir Grüße für Sie mitgegeben. Er wollte garnicht glauben, daß ich Sie nicht persönlich kenne, da Sie doch schon seit Ende April hier sind. Gott, natürlich, im Sommer, man ist verreist und es ist keine Besuchszeit. Aber jetzt, Herr Kreisphysikus, es ist doch schon Oktober und Sie haben noch immer keine Besuche gemacht." . . . Was gab dem Manne das Recht, mir darüber Vorstellungen zu machen? Allerdings er schien mit meinen