Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 200

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 200 (sequence 43)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3111067-3111078-3112171--1681-3112383
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

200 schien. Die Honoratioren der Gemeinde standen mit ihm sichtlich aus dem besten Fuß. „Die Frau Schlochauer," sagte er nach einer Weile, „wird gewiß aus Raudnitz sortziehen, dort ist sie unter diesen Umständen unmöglich und was soll sie dort, mit zwei Töchtern, die fast erwachsen sind und bald heiratsfähig? Gewiß wird sie nach Berlin ziehen, dort leben ihre Brüder, der eine ist Rechtsanwalt, der andere Arzt und einer hat eine große Blusenfabrik. Da hat sie einen Anhalt." . . . Ich sah plötzlich Frau Schlochauer vor mir, wie sie in stiller Trauer, ernst und bedächtig, mir ihre Zukunftspläne entwickelte, und dieser Mann hier vor mir wußte Alles, erriet es und äußerte seine Meinung über diese ihm fremden Lebensverhältnisse. „In Berlin kümmert man sich nicht um solche Geschichten. Dort ist die Frau Schlochauer die Schwester vom Rechtsanwalt und Doktor Weiß, die reiche Frau Schlochauer, mit zwei hübscheu, wohlerzogenen Töchtern, das genügt. Die Mädchen werden ganz gute Partien machen. Man sagt, es ist sehr viel geblieben, viel mehr, als man dem Herrn Schlochauer angemerkt hat, der den ganzen Tag gearbeitet hat und sein ganzes Interesse nur auf Verdienen gerichtet. Die Bildung hat er seiner Frau ganz allein gelassen. Und jetzt das Geld dazu. Wenn die große Brennerei und das Haus und die andern Grundstücke verkauft sein werden, kann es auf 400 000 Mark kommen. Der Bankier Rothmann hat mir gestern erzählt, Schlochauer sei ein sehr wohlhabender, fast reicher Mann gewesen. Rothmann hat einen Teil seiner Sachen unter sich gehabt, den andern die Breslauer Diskontobank und er kennt sein Bankdepot. Wenn die Frau jeder Tochter mal 100 000 Mark giebt, vorläufig werden sie noch nicht ihre Zinsen verbrauchen, kann sie sie ganz gut unterbringen. Natürlich, solche, die auf sogenannte feine Familie sehen, wird sie ja nicht kriegen, die fragen doch nach allem Möglichen und erfahren die Geschichte von der Untersuchungshaft und dem Selbstmord. Es giebt welche, die kein Tüpfelchen dulden auf dem Namen . . . aber es giebt auch genug junge Leute, die zugreifen und sich denken: Schwamm drüber.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.