Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 199 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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ISS eine gewisse Rücksicht bedingten, deshalb verhielt ich mich weiter abwartend und er, von einem zum andern abschweifend und jedes Gesprächsthema aufgreifend, rief aus: „Wirklich schade, daß Sie bei Sanitätsrat Ehrlich nicht verkehren, allerdings, ich kann mir denken, Sie haben wohl nicht viel Zeit. Jetzt mit der Schlochauer in Raudnitz nlüssen Sie auch nicht wenig Scherereien gehabt haben. Ein schreckliches Unglück, wahrhaftig! Jähzornig muß der Herr Schlochauer ja gewesen sein, denn man stoßt doch nicht bald so, daß einer tot hinfällt. Für die Frau muß das denervierend sein, sie ist eine gebildete Frau, die Tochter des Lehrers Weiß in Beuchen und sie hat nicht geglaubt, daß sie einmal einen ganz ungebildeten Destillateur wird heiraten . . . aber es ist ihm sehr gut gegangen und man hat nie gehört, daß sie nicht glücklich mit ihm gelebt hat. Sie hat immer gehabt, was sie braucht und viel mehr, und hat ihre Familie unterstützen können und ihre zwei Töchter gut erziehen . . . anders, wie wenn sie ihren Maler gekriegt hätte. Das wäre ein Malheur, dieser Maler." ... Er lachte selbstgefällig über seinen Witz und ich dachte im Stillen: die jüdische Jdealehe! Dann erfuhr ich die vorhin erwähnte Geschichte der Jugendliebe von Frau Rosalie Schlochauer. „Daß er hinterher sich noch das Leben genommen hat . . . wirklich schrecklich, was es für ein ausgerechnetes Unglück giebt. Uebrigens eine Schwägerin von der Frau Schlochauer, die Kousine meiner Frau und hier an den Buchhändler Grosser verheiratet, hat mir gesagt, daß die Witwe merkwürdig gefaßt sei. Die Frau Grosser selbst ist halb tot vor Aufregung und sie konnte die Ruhe von der Frau gar nicht begreifen. ... Es ist doch etwas ganz Ausgefallenes, erhenkt sich in Untersuchungshaft. Wenn er sich geduldet hätte, wer weiß, ob sie ihn nicht freigesprochen hätten, jedenfalls mehr, wie 3—4 Jahre Gefängnis hätte er nicht bekommen, keinesfalls Zuchthaus. Der Herr Rechtsanwalt Cassirer sagte mir gestern, die Geschworenen wären sicherlich aus den dolus enventualiter eingegangen." ... Er wollte natürlich dolus eventualis sagen, aber darauf kam es ihm nicht an und ich bewunderte nur, wie er alle Welt zu kennen und in den besten Familien zu verkehren