Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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—: 198 geniertheit, und schon wollte ich eine schroffe Antwort geben, als er fortfuhr: „Sanitätsrat Ehrlich ist ja ein ausgezeichneter Arzt, aber schon etwas veraltet, Herr Kreisphysikus ... die jungen Aerzte von heute zu Tage machen einen viel komprimirteren Eindruck." . . . Er wollte offenbar dezidiert sagen, denn schon wenige Momente später entschlüpfte ihm wiederum ein falsch ausgesprochenes Fremdwort. „Aber der Sanitätsrat Ehrlich hat doch die größte Praxis in der Gemeinde und die Leute würden es für eine Bigamie ansehen, wenn jemand etwas gegen ihn sagen Wollte." Ich kannte den Kollegen nur ganz flüchtig und wußte nicht, daß ein Zweifel an ihm wie eine „Blasphemie" betrachtet worden wäre, was er Wohl sagen wollte. Und jetzt fing ich an, den Humor der Sache zu begreifen und wartete halb neugierig, halb belustigt, was mein sonderbarer Gast noch Vorbringen würde. „Und das Haus, Herr Kreisphysikus, das Haus. Wirklich hochfein. Die Frau Sanitätsrätin versteht zu repräsentieren und sich eine Distanz zu geben," . . . was er damit ausdrücken wollte, blieb mir unklar, aber ich erfuhr doch, daß die jüngste Tochter meines Kollegen Ehrlich ein entzückendes Mädchen sei, wie Herr Jonas Goldstücker versicherte: „Hochgebildet, spricht alle Sprachen, spielt Klavier, wie Leubuscher" . . . ich kannte den Künstler nicht, „nur Chopin, Rubinstein, Ofienbach, Brahm." . . . „Brahms, Herr Goldstücker, Brahms." . . . „Nu ja, ich sagte doch Brahm, Herr Kreisphysikus, und was sie sonst noch Alles kann! Auch sehr wirthschastlich, kochen hat sie gelernt . . . nein, gegen Fräulein Edith kann kein Mensch was sagen . . . Edith, ein hübscher Name, Herr Kreisphysikus, Edith." ... Er hielt einen Augenblick inne. Ich wollte ihm jetzt sagen, daß mich dies Alles sehr wenig interessiere und daß er endlich einmal auf sein eigentliches Anliegen kommen solle, aber er machte immerhin den Eindruck eines Mannes, der den besseren Ständen angehört, mit leidlichen Manieren, die