Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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197 „Ja, der Privatpraxis jagen Sie nu grade nicht nach, das kann Ihnen niemand zum Vorwurf machen . . . leben wie ein Einsiedler und außer Simon Eichelkatz hat noch niemand die Ehre gehabt Sie bei sich zu sehen." Ich mußte wohl ein sehr verwundertes oder dummes Gesicht gemacht haben über diesen intimen Ton und seine Vertrautheit mit meinen Beziehungen, denn er lachte und sagw: „Ja, Herr Kreisphysikus, in einer kleinen Stadt kennt man die Leute und weiß alles von ihnen." . . . „Aber ich kenne Sie nicht" . . . unterbrach ich ihn endlich etwas ungeduldig. „Ich bin Jonas Goldstücker." „Das habe ich schon auf Ihrer Karte gelesen. Ich möchte mir aber doch zu fragen erlauben, was mir die Ehre Ihres Besuches verschafft?" „O, das werden Sie schon erfahren, Herr Doktor, krank bin ich nicht, wie Sie sehen, und mich führt etwas ganz anderes zu Ihnen, aber wenn ich einmal einen ärztlichen Rat brauche, dann werde ich nicht verfehlen, mich an Sie zu wenden, obwohl der Sanitätsrat Ehrlich mich schon seit sechs Jahren behandelt. Seit damals, als seine Tochter Annie sich mit dem Herrn Rechtsanwalt Bobrecker aus Leobschütz verheiratete. Eine ausgezeichnete Partie. Bobrecker hätte 60 000 Mark jeden Tag haben können und der Wollwarenfabrikant Löwenberg aus Oppeln hätte ihm sogar 75 000 gegeben, aber er wollte nur aus einem gebildeten Hause heiraten. Nu, die Tochter vom Sanitätsrat Ehrlich ist wirklich kein leerer Wahn." Ich war ganz verblüfft über diese vertraulichen Mitteilungen, als er ganz unvermittelt fragte: „Uebrigens, Herr Kreisphysikus, sind Sie bei Rheumatismus für trockene oder für nasse Behandlung?" Also doch ein Patient! Ich atmete erleichtert auf, Herr Jonas Goldstücker war mir nämlich etwas unheimlich geworden. „Ich weiß nicht, was Sie darunter verstehen." „Ich meine, ob Sie für Massage und Elektrizität oder für Bäder sind?" Die Frage verblüffte mich in ihrer dummdreisten Un-