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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 196

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 196 (sequence 39)
Language
German
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196 Sie sagte das letzte mit leiser Stimme und gesenktem Blick. Als ich gestern ihre Jugendgeschichte hörte, sah ich sie im Geiste wieder vor mir und ein unendliches Mitleid beschlich mich mit dieser Frau . . . nicht um dessen, was sie jetzt erlitt, kampfgestählt und erfahren, aber um ihrer Jugend willen, die sie verloren, weil Hindernisse und praktische Erwägungen ihr Leben bestimmt hatten. Jetzt aber will ich niederschreiben, wer mir von Frau Schlochauers Mädchenschicksal etwas erzählte, und was für eine merkwürdige Bekanntschaft ich gestern gemacht habe. Es kommt dadurch Humor in die Sache. „Herr Jonas Goldstücker." Die Visitenkarte mit dem großen, in Lateinschrift gedruckten Namen liegt vor mir und lächelt mich an, komisch, verschmitzt. Ja, in der That diese Bekanntschaft hat etwas Komisches. Unmittelbar nach der Nachmittagssprechstunde wurde mir die Karte gebracht. Herr Jonas Goldstücker. Ich glaubte, es sei ein Patient und ließ ihn vor, trotzdem die eigentliche Empfangszeit bereits vorüber war. Einige Augenblicke darauf saß vor mir ein älterer Mann, gut konserviert und anständig gekleidet, und ließ seine neugierigen Blicke ganz ungeniert durch mein Zimmer schweifen. Ich hatte die Empfindung, daß er in diesen kurzen Minuten Alles gründlich in sich ausgenommen hatte. Das ganze Inventar, mich mit inbegriffen. In diesen Augen war etwas Durchdringendes, Schlaues, Ueberschauendes und obwohl er sie oft zukniff oder über seinen vernickelten Zwicker hinwegblickte, man fühlte sich gefaßt und richtig aufs Korn genommen. Herr Jonas Goldstücker fing an mich zu interessieren. Und ohne meine Frage auf sein Begehren abzuwarten, sagte er: „Ich wußte, Herr Kreisphysikus, daß Sie nach Ihrer Sprechstunde immer noch ein Stündchen zu Hause bleiben und deshalb habe ich diese Zeit gewählt, um zu Ihnen zu kommen. Ich dachte mir, da sind wir ungestört." . . . Er kannte meine Gewohnheiten, er wußte etwas von meinem Privatleben, er wollte mich ungestört sprechen . . . hatte dieser Mann irgend ein Geheimnis, führte eine diskrete Angelegenheit ihn zu mir? Aber er ließ mir zur Ueberlegung gar keine Zeit und fügte hinzu:

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