Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 195 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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195 wickelte . . . wer vermochte düs zu sagen? . . . Als nach einigen Jahren, die erste Jugend lag schon hinter ihr, der Vater mit dem Wunsche an sie herantrat, sie solle den wohlhabenden Destillationsbesitzer Schlochaner in Raudnitz heiraten, um ihm die Sorge für die Erziehung ihrer zahlreichen Geschwister zu erleichtern, that sie es ohne Murren. Ihr Mann achtete sie und hatte nichts dagegen, wenn sie ihre Familie unterstützte und ihren Brüdern das Studium ermöglichte. Ihr Mann liebte sie — denn sie hatte ihm vier Kinder geboren. Zwei davon waren jung gestorben und die beiden Töchter, die ihr geblieben ... sie würde gut für sie sorgen und bedächtig. Ihr Mann würde sich nicht getäuscht haben, das Opfer seines Lebens würde er nicht vergeblich gebracht haben. „Ich werde, wenn Alles erst vorüber ist, Herr Kreisphysikus, hier das Geschäft und Haus verkaufen und nach Berlin ziehen. Wir sind vermögend, Herr Doktor, mein Mann hat gut gewirtschaftet. In der großen Stadt kennt man uns nicht und über jedes Ereignis wächst bald Gras. Wenn auch einer oder der andere was weiß, das vergißt sich rasch. Zu Geschichten haben die Leute dort keine Zeit. Ich habe drei Brüder in Berlin, alle in geachteter Stellung, so werde ich mit meinen Töchtern sorgenfrei in der großen Stadt leben, sie werden, da sie noch jung sind, das Leid und die Schrecknisse dieser Zeit verwinden und vergessen." . . . ' „Und Sie, Frau Schlochauer?" fragte ich hastig. „Ich? ich werde meine Pflicht thun!" Das klang so selbstverständlich. Dennoch, es berührte mich peinlich, wie sie sich gefaßt und wohl bedacht in das Unvermeidliche fügte und den Blick aus den Wirrnissen und dem Kummer dieser Tage ruhig in die Zukunft richtete. Vielleicht erriet sie meinen Gedankengang, denn sie fügte plötzlich hinzu: „Sie müssen sich nicht wundern, Herr Doktor, daß ich über die Sache so gefaßt mit Ihnen spreche. Daran wird man gewöhnt, wenn man an der Seite eines Geschäftsmannes 20 Jahre in dieser Gegend lebt, unter diesem rohen, rauhen Volk. Da lernt man aufpassen und bedächtig sein und wird praktisch. Und man vergißt, daß man die Welt auch einmal mit andern Augen ansah."