Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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194 Ein Schauer überlief mich, wie ich sie so kaltblütig und überlegt von der Angelegenheit sprechen hörte. War das Herzlosigkeit und Klugheit, die sie lieblos und hart machten? Hatte diese Frau ihren Mann nicht geliebt, nicht geachtet? Aber beurteilte sie seine Handlungsweise nicht als den Ausfluß kluger Überlegung, seinen freiwilligen Tod nicht als ein Opfer, seiner Familie gebracht, als einen Märtyrertod? Eine Frage drängteJich mir auf. „Aber, sagen Sie mir, liebe Frau Schlochauer, mußte Ihr Mann nicht daran denken, daß er Sie, mit der er doch glücklich lebte, die er sicherlich liebte und achtete, so tief betrüben würde, daß er seiner Mutter ein grenzenloses Leid anthun würde?" . Ein seltsames Lächeln zog um ihren Mund und es vergingen einige Augenblicke, ehe sie wie aus schwerer Versunkenheit sich aufraffend sagte: „Die Mutter ist sehr alt, Herr Doktor, 82 Jahre, die hat nicht mehr viel vom Leben zu erwarten . . . ich bin überzeugt, er hat daran gedacht, und mit der Liebe zu mir . . ." sie zauderte, „er hat mich immer gut gehalten und in Ehren, aber die Liebe? ... Zn einem anständigen Judenhaus ist die Liebe zwischen Mann und Weib die Liebe zu ihren Kindern!" Was mochte in der Seele dieser Frau vorgegangen sein, ehe sie zu diesem letzten Schluffe über das Eheleben gelangte? Durch einen Zufall habe ich gestern gehört, daß sie die Tochter eines Lehrers aus Beuchen sei, mit guter Bildung ausgerüstet ihr Lehrerinnenexamen machen wollte und zu diesem Zwecke nach Breslau aufs Seminar geschickt wurde, mit einem Stipendium von der Gemeinde, um ihre Studien zu ermöglichen. Dort hatte sie die Bekanntschaft eines jungen Malers gemacht, eines Christen, und es soll ein inniges, aber durchaus reines Liebesverhältnis zwischen den beiden jungen Menschen bestanden haben. Als ihre Eltern davon erfuhren, ließ man sie sofort nach Hause zurückkommen, ihr Studium wurde abgebrochen und mit dem herben Weh unglücklicher Liebe kam sie still und verschlossenen Herzens ins Elternhaus zurück. Wie sie sich nach dieser ersten, schweren Enttäuschung, nach diesem Herzenskampf ent-