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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 193

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 193 (sequence 36)
Language
German
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IRI
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193 schlichten Mannes entstanden, ohne daß er jemals etwas von den großen Denkern gehört hatte, die diese Ideen formten zu dem Bau ewiger Geisteswelten. 11. Oktober. Die Sache in Raudnitz hatte noch ein trauriges Nachspiel und machte mir viel zu schaffen. Der in Untersuchungshaft befindliche Mann hatte sich dort erhenkt. Ich hatte mit der Leichenschau des Selbstmörders, mit allerhand Formalitäten, die mit dem Fall zusammenhingen, mancherlei zu thun, mußte wiederholt nach Raudnitz fahren, und lernte auch dort die unglückliche Familie des Angeklagten, der sich selbst seinen Richtern entzogen hatte, näher kennen. Die Frau mit klugem, etwas hartem Gesichtsausdruck, von guten Manieren, die beiden Töchter, gebildet und gut erzogen, eine alte Frau, die Mutier des Mannes, erschütternd in ihrer altjüdischen Demut und frommen Resignation. Und ein schreckliches Schicksal hatte diese ahnungslosen, bis vor wenigen Tagen in friedvollem Glück lebenden Menschen betroffen. Ich fragte die Frau, was ihren Mann nur zu der Verzweiflungsthat getrieben haben konnte? Im ungünstigsten Falle hätte er doch nur eine Strafe wegen fahrlässiger Tötung bekommen können, die sicherlich sehr gering ausgefallen wäre, da festzustellen war, daß der Todessturz des Mannes auf seine Betrunkenheit zurückzuführen ist. „Aber die Schande, Herr Doktor, die Schande. Monatelang hätte er in der Untersuchung gesessen, dann sicher noch ein paar Jahre im Gefängnis, denn sreigesprochen hätten sie ihn doch nicht ... Das wollte er nicht überleben. Die Schande, Herr Kreisphysikus, die Schande vor seinen Kindern und das Herzleid für seine Mutter . . . und das hätte Jahre gedauert, lange Jahre, und so ist's mit einem Male zu Ende. Er hat mich gekannt und gewußt, daß ich nicht den Kopf verlieren werde und für unsere Kinder sorgen. Das hat er gewußt und daß er eine größere Last für seine Familie wäre, wenn er lebendig sitzt in seinem Gefängnis, wie wenn er tot ist unter der Erde. Denn das ist ein großer Schmerz, aber er geht vorüber, und das andere wär' eine ewige Schande. Und das hat er sich ausgerechnet und darum is er in den Tod gegangen für seine Kinder." 13

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