Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 192 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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192 halten, denn die andern thuns nicht und Habens nie gethan und Werdens nie thun. Und wir haben von ihnen nichts zu erwarten und nichts zu hoffen . . . aber wir brauchen sie auch nicht zu fürchten, wenn wir Zusammenhalten . . . wir Juden! Wenn dann auch mal was passiert, wie heute, Herr Kreisphysikus, so ist das ein Malheur, aber kein Unglück. Denn der es gethan hat, ist ein schlechter, roher Mensch, der zufällig ein Jude ist, wie es ebenso gut häti' ein Goj gewesen sein. Was hat überhaupt die Religion mit diesen Dingen zu thun? Thut ein Goj was Schlechtes, weil er ist ein Christ, und ein Jud, weil er is ein Israelit? Den und Den heißt seine Religion ein guter und braver und frommer Mensch sein, und wenn er es nich ist, was kann die Religion dafür? Sie ist ewadde nich schuld daran, aus ihr kann er nur Gutes lernen. Ob als Christ oder als Jud bleibt sich gleich. Jeder aus der seinigen, denn in jeder ist ein sittlicher Inhalt und darum soll ein jeder die seine ehren und zu ihr halten. Die Thaten der Menschen aber müssen aus ihrer Natur beurteilt werden, nicht aus ihrem Glauben. Denn wenn der Jid in Raudnitz den „Schiller" rausschmeißt auf tot, so hat er es gethan, weil er hat ä jähzornige, wilde, unbezähmte Natur, und an sein Glauben hat er überhaupt nich gedacht. Hätt' ers nur! Dann lebte der „Schikker" noch. Denn sein Glauben verbietet dem Juden, schlecht und heftig und böse zu sein und zu töten, wie es den Gojim ihr Glaube verbietet. Und ender wird es nicht besser in der Welt sein, bis Alle wer'n verstehen, daß ein Mensch muß Achtung haben vor dem andern, weil er ein Mensch ist. Wenn dann jeder wird fühlen, daß er seine Ehre hat und seine Würdigkeit, wird er auch sein Recht finden ... nicht als Jud und nich als Christ, sondern als Mensch!" . . Ich blickte starr auf den Greis. Woher hatte er nur diese Ideen von Menschenrecht und Würde? Wo hatte er diese von humanistischem Geiste beseelten Anschauungen gewönnen? Hier in der Khille? Wenn er plötzlich mir das Problem: vom „Ding an sich" zu entwickeln begonnen hätte . . . ich hätte mich kaum gewundert. Rechtsphilosophische und religionsphilosophische Gedanken waren im Kopfe dieses