Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Beruf mir läßt, gehört mir und ich vertrödle es nicht in gleichgültiger Gesellschaft. Ich habe niemals gefunden, daß man im Verkehr mit vielen Menschen etwas einheimst. Man empfängt so wenig und giebt so viel. Viel zu viel von seinem Besten und Edelsten. Besonders wenn man ein Mensch von Temperament ist, von Verstand und Gemüt. Die letzte Saite klingt fast niemals an. Und im günstigsten Falle kommt es auf einen Austausch konventioneller Formen, verbindlicher Freundlichkeiten und Liebenswürdigkeiten heraus, die rein äußerlich, die Menschen banal und unaufrichtig machen, ich möchte den stärkeren Ausdruck, verlogen, nicht anwenden. Heines Wort fällt mir ein: „weiße, höfliche Manschetten, ach, wenn sie nur Herzen hätten, Herzen in der Brust und Liebe . . . wahre Liebe in den Herzen, denn mich tötet ihr Gesinge von erlognen Liebesschmerzen." . . . Man wird vielleicht einsam bei solchen Grundsätzen, aber auch stärker, und jedenfalls nicht vergrämt und verbittert, wie viele behaupten. Niemals war ich trauriger, als im Kreise von vielen Leuten, unter denen ich nicht einen — Menschen fand! Und nichts stimmt mich froher und glücklicher, wie wenn ich einen Menschen finde ganz unvermutet, wo ich's gar nicht gedacht — Simon Eichelkatz zum Beispiel. Gestern war ich bei ihm, spät des Abends, nachdem ich ihn einige Tage nicht gesehen hatte. Ich war ermüdet und abgespannt von einer Amtsreise aus einem benachbarten Orte heimgekehrt, dem Zentralpunkt der schlesischen Kohlengruben. In einem Branntweinausschank waren zwei Arbeiter aneinandergeraten. Der Wirt, zuerst in der Absicht den Streit zu schlichten, war dazwischen getreten, hatte dann, selbst in Wut geraten, den renitenteren der Beiden hinausgeworfen, so unglücklich, daß der torkelnde, total Besoffene das Gleichgewicht verlor und die Treppen hinabstürzend mit dem Kopf auf einen Stein auffiel. Ein Schädelbruch und schwere Gehirnverletzung führten nach wenigen Minuten den Tod herbei. Als ich ankam, umstanden wüste, erregte Gestalten den Schauplatz, den die Polizei bewachte, ebenso wie den mit einem Tuch überdeckten Leichnam des Erschlagenen, da vor der behördlichen Lokalinspektion keine Veränderungen vorgenommen werden durften. Ich konnte nur den Tod konstatieren, der