Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 189 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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189 Boden fallen. Schinul Eisner, der das beobachtet und ihre Absicht sofort durchschaute, sprang hinzu, hob sie auf und hängte sie um des Lehrers klappernde Glieder und so wurde dieser, angethan mit der schwarzen Mantille der Rebbezin, heimgeleitet, in sein schützendes Haus, zu Weib und Kind. „Ob die Frau Lehrer Sändberg etwa eifersüchtig sein wird" fragte Reb Schmu l Witzbold „weil er nächtens a heimkimmt, ganz nackedig, nur mit der Mantillje von der Rebbezin?" „Die Hauptfach is, er is do" . . . antwortete sein Begleiter. Und das dachte auch die ganze Khille, die nun nach dem angstvollen Tage wirklich die wohlverdiente Ruhe aufsuchte. 6. Oktober. Meine amtliche Stellung macht mir viel Arbeit. In einem Hüttendistrikt giebt es fast täglich Unfälle, . . . und dann der Schnaps, der zu allen möglichen Exzessen zu Raufereien und Totschlag führt. Kaum ein Tag vergeht, daß ich nicht über Land muß und jetzt in dem trüben Herbst, in dieser trostlosen Gegend ist das wenig angenehm. Meine zur Schwerlebigkeit neigende Natur wird dadurch noch melancholischer, und wenn ich so durch die Regenlandschaft fahre, vorbei an den Eisenhütten, den Hochöfen und Kohlengruben, über denen dick und schwer der Rauch lastet, um in nächster Stunde vor einem Erschlagenen oder Verunglückten zu stehen und ein Protokoll über das Elend und den Jammer der Menschheit auszustellen, wird meine Stimmung eine äußerst gedrückte. Zur Privatpraxis gelange ich garnicht. Ich glaube, man betrachtet mich als einen aufgegebenen Posten. Ein jüdischer Kreisphysikus, unbeweibt, der es unterläßt, sich einzuführen, ist entweder ein Sonderling oder ein launenhafter, hochmütiger Narr. Jedenfalls nicht ernsthaft zu nehmen. So denken Wohl auch meine Kollegen über mich. Nach Erledigung der ersten unerläßlichen Höflichkeitsformalitäten sind wir uns nicht weiter näher getreten, und begrüßen uns erforderlichen Falles höflich aber kühl. Diese Abgeschlossenheit hat aber auch ihr Gutes. Das bischen freie Zeit, das der