Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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188 bis zur Nacht verbergen müsse, um dann zu sehen, wie er nach Hause gelange. Er rechnete darauf, daß die Leute müde vom „Taines" früher die Ruhe aufsuchen würden, und so schlich er resignirt und sehr ermattet von der Aufregung des schrecklichen Abenteuers in ein voll in den Aehren stehendes, zur Ernte reifes Kornfeld. Recht tief hinein, um sich gut verstecken zu können. Ermüdet ließ er sich dort nieder, die Halme schlugen hoch über seinem Kopfe zusammen, die Käfer surrten um ihn her, Kornblumen und wilder Mohn umstanden ihn, und nochmals überdachte er seine eigentümliche Lage. Auf das, was dann folgte, konnte er sich nicht besinnen, er mochte wohl in einen tiefen Schlaf gefallen sein und hatte so die Rufe der nach ihm Suchenden nicht vernommen. Als er erwachte, stand der Mond bereits am Himmel. Er wußte nicht, wie viel Uhr es wäre, aber er nahm an, bereits spät in der Nacht, denn ihn fror und feucht lag es über dem Felde, aus dem er hervorkam. Nun trat er den Heimweg an, durch die völlig einsamen, in nächtlicher Stille daliegenden Wiesen, nach der Stadt. Aengstlich schlich er sich durch die menschenleeren Straßen an den Häusern entlang. Die Stadt war wie ausgestorben. Seiner Meinung mußte es schon weit nach Mitternacht sein und Alle in tiefem Schlaf liegen. Daß um seines Verschwindens willen die Leute nach dem „Ring" zusammengeströmt waren, konnte ihm nicht einfallen. Rascher und beherzter schritt er daher vorwärts und hatte noch die Ueberlegung, daß er am schnellsten über den „Ring" hinweg, die Rybnickerstraße hinunter seine Wohnung erreichen könne. Daß er jetzt in der Nacht jemandem begegnen würde, außer dem Nachtwächter, den er über sein Mißgeschick leicht aufklären konnte fürchtete er nicht. So kam er durch ein enges Seitengäßchen, das vom Mehlmarkt aus, direkt auf dem Ring mündete, dort an ... wo er wie ein Geisterspuk wirkte, auf die vom Schrecken des Tages erregte Menge. Und nun stand er vor den Herren . . . und er konnte nicht anders, Gott helfe ihm — Amen! Die Helferin in der Not aber war die Rebbezin. Sie hörte abgewandten Antlitzes die halb lächerliche halb klägliche Erzählung, die Lehrer Sandberg vorbrachte, und plötzlich ließ sie die große, schwarze Mantille, die sie trug, von hinten zu