Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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187 Endlich hatte der Rabbiner sich so weit gefaßt, um den in seiner Menschlichkeit ganzen Urnatnr vor ihm Stehenden anzusprechen: „Seid Ihr es, Sandberg?" fragte er mit einem aus Strenge und Milde gemischten Ton. „Ja, Herr Rabbiner, ich bin es" . . . kam es kläglich zurück. „Euer Weib, eure Kinder, die Gemeinde, die Stadt beklagen Euch als tot." . . . „Gott soll behüten" . . . fuhr der Lehrer aus „warum soll ich sein tot? Ich leb' Herr Rabbiner, ich leb', gelobt zu Gott . . . wenn mir auch is etwas sehr unangenehmes passiert." . „Er werd' sich noch derkälten" . . . witzelte Schmul Eisner, der nun auch hinzugekommen war, einem andern zu. Aber Niemand dachte daran, dem Nackten ein Bekleidungsstück anzubieten. Die Verblüffung war noch zu groß und so ging das Verhör vor sich, und vor dem Kollegium des Rabbinats und der hohen städtischen Behörde erstattete der Lehrer Sandberg, so wie er einst dem Mutterleib entsproßen, Bericht über sein Abenteuer. Er war Vormittags baden gegangen, hatte hinter einem Weidenbusch am Flußrand, in der Nähe des Petersdorser Dammes, dort wo um diese Stunde nie eine Menschenseele vorüberkommt, sich ausgekleidet und war in die wohlige Flut getaucht. Er fühlte sich in dem nassen Element unendlich behaglich, die Hitze, die ihn sehr gequält hatte, war vergessen in den kühlenden Fluten, vergessen waren Hunger und Durst des Fasttages, und kräftig schwamm er flußabwärts und ließ sich von den sonnenbeglänzten, sanfterwürmten Wogen tragen. Nach einer halben Stunde, vielleicht hatte es auch länger gedauert, schwamm er zu der Stelle zurück, wo er sich entkleidet hatte, aber o, Schrecken, seine Sachen waren verschwunden. . . . Nichts, gar nichts hatten sie ihm zurückgelassen, nicht einmal das Hemd, um des Leibes Scham zu verhüllen. Verzweifelt rannte er am Ufer entlang, suchend, rufend, weinend, bittend, flehend. Nichts regte sich um ihn her. Hatte jemand ihm einen Schabernack gespielt, waren es vorüberziehende Wanderburschen, die die Kleidung als brauchbare Beute mitgenommen hatten? ... Er wußte es nicht, nur eines war ihm klar, daß er sich