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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 186

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 186 (sequence 29)
Language
German
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IRI
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186 „Morgen wird man die Leiche des Lehrer Sandberg bergen." ... Da.plötzlich ertönte ein schriller Aufschrei, pflanzte sich fort durch die Massen, in die eine wilde Unruhe und Bewegung kam. Entsetzt stiebt die Menge auseinander, rennt und flüchtet, nur manchmal angstvoll zurückblickend auf eine fürchterliche Vision, die dem Blicke sich darbietet. Im Nu ist der „Ring" leer. Alles hat sich in den Häusern verborgen — und dort schreitet langsam und bedächtig, wie eine Geistererscheinung, der Lehrer Sandberg über den Platz . . . nackt, splitterfasernackt, wie ihn der liebe Herrgott erschaffen. Die Hände an den Beinen herabhängend, als wolle er sie gewohntermaßen in unsichtbaren Hosentaschen verbergen, die Füße schlürfend vorwärts bewegend. . . . Der „Ring" war jetzt wie ausgesegt. Nur vor der „Kaschte" standen noch der Rabbiner mit den beiden Vorstehern, der Bürgermeister mit den Stadtverordneten und die Rebbezin. Diese hatte beim Herannahen der absonderlichen Gestalt sich schamhaft umgedreht, und betrachtete eifrig den Neptun, der, obwohl er ein Flußgott, viel bekleideter war, als der Lehrer Sandberg. Das Mondlicht funkelte über dem Dreispitz und umfloß das ganze tragikomische Bild mit bleichem Lichte. Der Lehrer hatte sich bis dicht vor die Herren herangeschoben, die ihn mit aus Staunen und Mißbilligung gemischten Blicken betrachteten. War das Sandberg oder sein Geist? Und wie konnte er so, in ganz adamitischem Kostüm durch die Stadt einherwandeln, über den Ring hinweg, bei allen Menschen vorbei? . . . Das war ja unerhört, noch niemals dagewesen. Der Mann mußte doch nach allen Voraussetzungen tot sein, und nun spazierte er hier umher und noch dazu, in welcher Verfassung. Einige Beherzte schlichen aus den Häusern wieder herbei, hie und da tauchte auch hinter den Fensterscheiben ein neugieriges Gesicht auf . . . die Situation war aufs Aeußerste gespannt. Die Rebbezin drehte der Gruppe noch immer den Rücken, und der Neptun sah ganz pfiffig aus, als ob er sagen wollte: „Da sind wir Wilden doch bessere Leute, niemals würde einer von uns es wagen, so splitternackt im hellen Mondschein auf dem Ring umherzuwandeln." . ...

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