Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 185 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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185 Man hatte das Bedürfnis, das Ereignis des Tages nochmals zu besprechen. Vor den Thüren der Häuser saßen die Familienväter auf den grünangestrichenen Bänken, rauchten ihre Pfeifen und debattierten über alle Eventualitäten des Falles. Die Frauen standen in Gruppen zusammen, bemitleideten Frau Sandberg und zerbrachen sich den Kopf, was sie „nebbich" anfangen würde, des Ernährers beraubt. Junges Volk promenierte auf und ab, plauderte im Flüsterton und suchte dem Ernst der Situation Rechnung zu tragen, ohne daß es immer gelang, den natürlichen Jugendübermut zu bannen. An der Ecke der Tarnowitzerstraße stand Reb Schmul Eisner, der Witzbold der Gemeinde, und sagte halblaut zu seinem Nachbar: „taktisch is jeder froh, daß er nich is ä so berühmt, wie heint der Lehrer Sandberg!" Jetzt war auch der Rabbiner auf dem „Ring" erschienen, neben ihm die „Rebbezin." Er wollte noch einmal zur Frau des Verunglückten gehen, um sie zu beruhigen und sie ließ es sich nicht nehmen dabei zu sein, wo es galt Trost und Hilfe zu spenden. In der Nähe des großen neben dem Rathaus belegenen Wasserreservoir, „die Kaschte" benannt, wurde er von einigen Gemeindemitgliedern aufgehalten. Jeder wollte gern aus seinem Munde ein Wort über das Ereigniß des Tages hören. In diesem Augenblicke kam die Treppe des Rathauses herab der Bürgermeister und zwei Stadtverordnete und gingen, als sie Doktor Merzbach gewahrten, auf ihn zu, um ihm zu berichten, daß soeben beschlossen worden sei, morgen früh das Wasser am Wehr und an der großen Schleuse abzulassen, um vielleicht den Leichnam des Lehrers Sandberg zu bergen, denn es sei nicht wahrscheinlich, daß er bei dem niedrigen Wasserstand flußabwärts getrieben sei, sondern irgendwo im Kanal sich festgehackt habe. Ein Schauer lief durch die Menge. Atemlos lauschten die Nächststehenden auf die Worte des Bürgermeisters, gaben sie dem Nachbar weiter und wie ein Lauffeuer verbreitete sich durch die Ansammlung: „Morgen wird man die Leiche des Lehrer Sandberg bergen." Aus der „Kaschte" ragte die primitive Figur eines Neptun auf, den Dreispitz in der Hand, und das silberne Mondlicht flimmerte über dem großen Wasserbecken, das die Lauschenden dicht umstanden.