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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 184

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 184 (sequence 27)
Language
German
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184 Empfang zu nehmen. Und nun suchte man den Lehrer Sandberg die Ufer entlang und an den seichten Stellen des Flußlaufes. Vergebens. Bis auf einige unregelmäßige Fußspuren im feuchten Boden, in der Nähe des Mühlenwehrs wurde nichts Bemerkenswertes entdeckt, und auch die verliefen sich einige Schritte oberhalb der Böschung, so daß sie keine weiteren Anhaltspunkte boten. Lehrer Sandberg blieb verschwunden. Man mußte als gewiß annehmen daß er verunglückt fei. Vermutlich hatte er in der glühenden Hitze das Taschentuch benutzt, um sich den Schweiß abzutrocknen und die Stiefel ausgezogen, um die Füße im Wasser zu kühlen und war dabei vielleicht in eine Tiefe geraten, oder war vom Hitzschlag im Wasser getroffen, zusammengesunken und ertrunken. . . . Hundert Vermutungen wurden laut, am unaufgeklärtesten aber blieb, weshalb der Lehrer überhaupt in der Mittagsglut hinausgegangen war. Inzwischen rückte der Tag vor, Stunde auf Stunde war verronnen. Totmüde kehrten die Suchenden heim, hungrig und durstig. In ihrem Eifer hatten sie vergessen, daß sie fasteten, nun aber machte der Körper seine Rechte geltend. Einer nach dem andern schlich sich in die Stadt zurück. Jeder brachte die Kunde von dem vergeblichen Bemühen und als dann kurz vor Sonnenuntergang die Letzten heimkehrten, da wußte man daß Lehrer Sandberg nicht mehr unter den Lebenden weile. Der Rabbiner ging noch einmal zu Frau Sandberg, um ihr und ihren Kindern Worte des Trostes zu sagen, dann neigte der schreckensvolle Tag sich seinem Ende. Zum Abendgottesdienst in Schul waren kaum die erforderlichen zehn „Minjenleute" zur Stelle. Jeder blieb zu Haus bei den Seinen, empfand das Glück des Lebens, angesichts dieses rätselhaften Todesfalles doppelt, und genoß das „Anbeißen" mit erhöhtem Appetit, denn einen „Taines" wie diesen hatte noch Niemand erlebt. Als dann am späten Abend der Vollmond ruhig nnd still über den Häusern stand, mit weißlichem Lichte den Platz und die Gassen erhellend, als die nächtliche Kühle mit erfrischendem Hauch die schwüle Luft abgekühlt hatte, da regten sich auch die Lebensgeister aufs Neue, und die Menschen kamen aus ihren engen Wohnungen hinaus ins Freie. Auf dem „Ring", so heißt der Marktplatz, strömte Alles zusammen.

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