Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 182 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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182 „Nix kann man wissen" . . . antwortete sein Nachbar. Der Mann war jetzt in den Hausflur getreten und mit Bangen und Neugier hefteten sich aller Blicke auf die Eingangspforte. Minuten höchster Erwartung ... die bange drückende Stimmung, die einem schrecklichen Ereigniß voraufgeht, hatte sich Aller bemächtigt. Keine Bemerkung fiel mehr, kein Wort wurde laut, in schier atemloser Beklemmung harrte jeder dem nächsten Moment entgegen. Bleiern lag es über den Gemütern, bleiern und schwer war die Atmosphäre, wie Gewitterschwüle, und dabei strahlte der Himmel im reinsten Blau, kein Wölkchen war am Horizont sichtbar und die Sonne flammte herab mit Hochsommerkraft. Aus heiterem Himmel also würde der Schlag niederfahren auf die Harrenden und jetzt da. . . der Rabbiner war auf der obersten Stufe, der vom Hausflur auf die Straße hinabführenden Steintreppe getreten, rechts und links, ihm zur Seite, standen die beiden Vorsteher und hinter ihnen in der geöffneten Thür sah man den Mann mit dem Sack, der ihm jetzt leer über der Schulter hing, während aus dem Hintergrund Wehklagen, Weinen und Schluchzen erscholl. Die Spannung war aufs Höchste gestiegen und in die lautlose Stille erklang die Stimme Doktor 'Merzbachs, der mit ernsten Tonfall sagte: „Liebe Gemeinde! Ein erschütterndes, tief trauriges Ereigniß hat am heutigen Schiwo oßer Betames, der allmächtige Vater über unsere Gemeinde verhängt. Der hochachtbare-, Herr Lehrer Sandberg, den wir Alle kennen und lieben, der Führer und Erzieher unserer Jugend ist verunglückt, was jetzt leider außer jedem Zweifel steht, nachdem dieser Mann, ein Müllergeselle aus der Goretzki Mühle, in der Nähe des Wehrs ein Paar Stiefel und ein rotbaumwollenes Taschentuch gefunden hat, das Frau Sandberg unzweifelhaft als das Eigentum ihres Mannes rekognoszierte. Der Müller hatte von ihm begegnenden Heumachern erfahren, daß man in der Stadt einen Verlorengegangenen suche und sich daher mit seinem Fund sofort hierherbegeben. An der schrecklichen Wahrheit ist nunmehr nicht zu zweifeln und wir müssen den harten Schicksalsschlag, den der Herr über die grenzlos unglückliche Familie, die ihres Ernährers und Beschützers so jäh beraubt wurde, den er über die ganze Gemeinde verhängt hat mit Ergebung tragen. An einem Tag der Sühne und Buße hat Gott so Schweres uns auferlegt." . . .