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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 181

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 181 (sequence 24)
Language
German
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IRI
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181 Gemüter. Was war geschehen? Den klagenden Angehörigen, den bestürzten Glaubensgenossen des Verschwundenen gesellten sich auch die übrigen Einwohner der Stadt. Alle Welt war auf den Beinen, aufgeregt, erstaunt, - suchend — Lehrer Sandberg aber blieb verschwunden. Um zwei Uhr Mittag hatte das Gerücht von der weißen Vorstadt aus auch den Ring erreicht und war bis in die stille Studierstube des Rabbiners gedrungen. Sofort eilte dieser nach der Behausung des Verschwundenen, in Begleitung des Vorstehers Herrn Manasse und des Vorsitzenden der Repräsentanten Herrn Karfunkelstein. Ihnen schlossen sich alle übrigen Männer aus der Gemeinde an, viele Frauen und Kinder. Alles strömte herbei, aufgeregt und furchtsam, um über das Geschick von Lehrer Sandberg etwas zu erfahren. Die Menschenansammlung vor dem Hause, in dem der Verunglückte wohnte, war jetzt so groß, daß auch die wohllöbliche Polizei sich einfand, und nun stand alle Welt zusammen und mit flüsternder Stimme sprach man über den „unerhörten Fall". Der Rabbiner und die Vorsteher hatten sich in die Wohnung begeben, um von der klagenden Gattin sich nochmals über alle Einzelheiten informieren zu lassen. Draußen harrte erwartungsvoll die Menge. Die Sonne, in höchster Mittagshöhe, brannte erbarmungslos herab. Aber kein Mensch dachte an Hitze, Hunger und Durst. Jedermann war nur mit Lehrer Sandberg beschäftigt. „Ausgerechnet, an Schiwo oßer Betames muß Sandberg verloren gehn," . . . sagte der kleine Rauchwarenhändler Freund, „er hat selber ä Läng, wie Schiwo oßer Betameß und grad an dem Taneß muß er verunglücken." „Das wär' grad ä so, wie wenn Du heint Deinen Pelz müß'st anziehen, bei der Hitz." ... „Macht's keine Witz" mahnte ein Dritter, „die Sach'-ist bitter." — In diesem Augenblick drängte sich ein Mann durch die Menge, atemlos, keuchend, in höchster Erregung. Er trug einen Sack, in dem etwas hin und herschlenkerte. Entsetzt sahen die Leute chn an und machten ihm Platz, scheu die Berührung mit dem Sacke vermeidend. „Es werd doch nicht der Kopf von Sandberg sein, den er daherschleppt?" fragte angstvoll der kleine Rauchwarenhändler.

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