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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 180

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 180 (sequence 23)
Language
German
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180 diesen Augen sprach, machte den Lehrer zu einer beliebten Persönlichkeit. Man hatte den originellen Mann gern und wenn er, die Hände ewig in den Hosentaschen vergraben, in die Schule schlenderte, so sah man aus manchem Laden, von manchem Fenster ihm mit Sympathie nach. Er war populär. Man ermesse daher die Bestürzung, als die Nachricht sich verbreitete, er sei verschwunden. Man schickte in die Häuser der benachbarten Familien, man suchte im Vorhof der Synagoge, ob er sich dort vielleicht vor der Hitze des Tages verborgen habe, man durchforschte jeden Winkel seiner Wohnung, Laden und Keller mitinbegriffen, man geriet auf die absurdesten Vermutungen, wo er hingeraten sein könne ... in irgend ein Bierlokal in der Stadt? Heute am Fasttage, unmöglich! Seine Frau weinte und jammerte, seine Kinder heulten ... wo war der Gatte, der Vater? Fort! Wie vom Erdboden verschwunden. Und keinerlei Anhaltepuukte, wo er etwa hingeraten sein könnte. Nach den Behnisch-Wiesen hatten sich einige Leute, vorauf die weinende Gattin, aufgemacht. Aber dort war er nicht, und von den auf frischen Heuhaufen Mittagsrast haltenden Mähern und Mäherinnen hatte ihn auch niemand gesehen. Was sollte er auch dort in dieser wahnsinnigen Mittagsglut? Hungernd und dürstend, denn er fastete ja. Die Sache war unaufgeklärt, nahm einen immer beängstigenderen Charakter an. Was hatte ihn aus seiner Stube hinausgetrieben, wo war er hingeraten? Verstohlen, angstvoll wurde das Wort „Unglücksfall" laut. Aber welcher Art konnte der sein? Dann raunte und lispelte es zaghaft: „Mord! . . . Selbstmord!" Gott behüte, daß diese Vermutungen das Ohr der jammernden Frau, der schreienden Kinder erreichen! In der weißen Vorstadt hatten sich die Menschen angesammelt. Man blickte die Gasse auf und ab, man schaute zu den Fenstern der Wohnung von Lehrer Sandberg empor, man fragte, man stellte allerhand Mutmaßungen an, man debattierte und beriet .... Lehrer Sandberg blieb verschwunden. Die Leute hatten Hunger und Durst vergessen, niemand dachte daran, daß er sich kasteite. Was bedeutete dieses kleine Opfer dem schrecklichen Geschick gegenüber, dem Lehrer Sandberg verfallen war? Furcht und Mitleid beschlich die

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