Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 179 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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179 den Durst grausam steigerte — vergeblich. Die beängstigende Schwüle drang überall ein und brütend lag sie über den Gassen und Wohnungen, über Feld und Flur. Mit einer gewissen Apathie ertrugen es die Faster, man war das ja schließlich gewöhnt. Alljährlich wiederholte es sich und niemand wußte sich zu erinnern, daß Schiwo oßer betammes einmal auf einen kühlen Tag gefallen wäre. Die Jahreszeit schloß das aus. Es war eben Hochsommer, die Tage der Reife, der Ernte. Man mußte geduldig sich darein fügen, zu den Qualen des Hungers und des Durstes noch die der Hitze zu ertragen. Am Schiwo oßer betanlmes des Jahres 1853 kam aber noch in der Khille zu Reißnitz der bleiche Schrecken dazu. Gegen Mittag verbreitete sich das Gerücht, daß der Lehrer Sandbcrg fehle. Beim Morgengottesdienst in „Schul" hatte man ihn noch gesehen und von dort war er auch nach Hause zurückgekehrt, dann aber verlor sich seine Spur. Zwei Knaben, die vormittags auf der Straße „Klippe" gespielt hatten, behaupteten, ihn vor der Thür seiner Behausung gesehen zu haben und von dort um die Ecke in die Straße biegen, die nach den sogenannten „Behnisch-Wiesen" führte. Das war das Letzte, was über Lehrer Sandberg verlautete. Nach Simon Eichelkatz' Schilderung war es ein absonderlicher Mann. Sehr groß gewachsen und mager, wie eine Stange, hatte er einen eigentümlichen Gang und schob die Füße vor sich her, so daß er mehr schlürfend als ausschreitend sich vorwärts bewegte. Um den Hals trug er Sommer und Winter ein schwarzes Seidentuch, über dem nur ein sehr schmaler Wäschestreisen sichtbar war. Den beweglichen Kopf, den er beim Sprechen gern auf die linke Seite neigte, zierte eine unglaubliche Nase, groß und schnabelförmig gebogen. - Diese Nase beschattete das ganze Gesicht, und war stets die Zielscheibe des Spottes seiner Schüler, der ABC-Schützen der untersten Klasse der Gemeindeschule. Manchmal aber war sie auch ihr Schrecken, besonders bei den Neulingen. Es bedurfte immer einiger Zeit, ehe sie sich daran gewöhnt hatten, und das geschah am leichtesten dadurch, wenn Lehrer Sandberg sie mit seinen gütigen, oft lustig blinkenden Augen ansah. Was die Nase heraufbeschwor an Befürchtungen, beschwichtigten die Augen. Und was aus 12*