Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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178 mich für jene Gestalten, die vor fünfzig Jahren hier durch die engen Gassen schlichen. Was in dieser Welt Ereignis war, was diese Menschen beschäftigte, wie sie lebten, liebten, haßten, das alles hat einen gewissen kulturgeschichtlichen Reiz für mich, der durch die nationalen Interessen erhöht wird. Simon Eichelkatz hat mir gestern versprochen, mir während der Herbst- und Winterzeit allerhand zu erzählen. Ob ich mit dem Abgeben der Visitenkarten nicht doch noch warte? Hat man erst angefangen, dann giebts Einladungen und gesellschaftliche Formen, denen man sich nicht entziehen kann und dann wäre es vorbei mit den Plauderstunden bei Simon . . . das muß ich mir noch gründlich überlegen. Ob ich in den „ästhetischen Salons" der feinen Judenhäuser so herzlich lachen würde, wie gestern, als Simon mir die Geschichte vom Lehrer Sandberg erzählte? Kaum! Die jungen Damen würden die Sache offenbar sholdng finden. Ich aber will sie hier verzeichnen und nenne sie: „Lehrer Sandbergs Abenteuer". Am heißesten und längsten der jüdischen Fasttage wars. Schiwo oßer betammes. Die Sonne brannte glühend herab. Kein erfrischender Athemzug belebte die drückende Schwüle und die Khille beschloß die zehntägige Fastenzeit, in der keinerlei Fleisch auf den Tisch kommen durfte und man sich nur mit den sogenannten „milchigen" Sachen ernährte, mit einem Vollfasttag, an dem weder Speis noch Trank die Gläubigen labte. Die männlichen Mitglieder der Gemeinde hielten diese Vorschriften mit aller Strenge, obwohl es sehr erschwerend für die fromme Übung war, daß dieser Tag in den Hochsommer fiel und daß er so endlos lang war. Zur sprichwörtlichen Bezeichnung hatte man das ausgebaut und von einem besonders hochgewachsenen Menschen sagte man: „Er hat 'ne Läng, wie Schiwo oßer betammes." Aber weder Hitze noch Länge hinderten die Gläubigen, den Fasttag zu halten, galt er doch gewissermaßen als ein Vorläufer seines großen, heiligen Bruders des „Versöhnungstages". Die Gemeinde also verhielt sich bußfertig, sie fastete, betete, schwitzte, stöhnte — und versagte sich jede Erfrischung. Man verkroch sich in den Schatten der Häuser, um der Hitze zu entfliehen, die