Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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174 sie ihren „Row" achteten und liebten, desto mehr quälten und chikanierten sie ihn. Alles, was sie selbst nicht besaßen an Talmudgelehrsamkeit, Wissen und Bildung, an Güte, Bescheidenheit und Zurückhaltung, an höchster Frömmigkeit und Aufopferungsfähigkeit, das verlangten sie von ihm. „Er sollte so gewissermaßen alle Zores und alle Schlechtigkeit und Dummheit der Balbatim auf sich zu nehmen," sprach er weiter, „und je mehr Übergriffe sie selbst sich erlaubten, desto mehr Tugend erwarteten sie von ihm. Wunder! Nu, vr. Merzbach hat's gehalten und die „verschwarzte" Khille wirklich entsühnt." Das mag wohl in diesen Zeiten überall ähnlich gewesen sein, wo die modernen und akademisch gebildeten Rabbiner anfingen, Licht und Wahrheit in die Gemüter der Juden zu tragen, die durch die Verfolgungen und Erniedrigungen, unter denen sie so lauge geschmachtet hatten, mißtrauisch, hinterhältig, feige und verbittert geworden. Das war keine kleine Aufgabe. Und mancher, der schwach war und verzagt, mochte daran gescheitert sein. Da war es ein rechtes Glück, wenn die Rebbezin so war, daß sie dem Manne schützend und behütend zur Seite stand, daß sie abwehrte, was Unverstand, Bosheit und Tyrannenlaune ausheckten, und daß sie dafür sorgte, daß man sich nicht alles gefallen ließ. Gewöhnlich war das Verhältnis so: den Row liebten sie und kränkten ihn, und die Rebbezin haßten sie, aber sie fürchteten sie. Das Gleichgewicht aber war einigermaßen hergestellt. „Und unsere Rebbezin, Frau Dr. Merzbach, die war ihnen gewachsen!" rief er aus. „Sie war stolz und fast hochmütig sah sie auf die Gemeindemitglieder herab, die weder durch Abstammung, noch Stellung entfernt an sie heranreichten. Denn sie war die Tochter einer der ersten und hervorragendsten Familien, und die Frömmigkeit und Gelehrsamkeit ihres Vaters und Großvaters waren in ganz Israel bekannt. Wie hätte jemand in der „Khille" sich ihr an Vornehmheit und aristokratischer Geburt vergleichen können? Diese Händler und Geschäftsleute erschienen ihr wie Vasallen. So war sie gewöhnt, in ihrem Elternhaus die Balbatim sich ihrem Vater nahen zu sehen, so wußte sie, hatte man in tiefster Ehrfurcht und Hingebung sich ihrem