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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 173

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 173 (sequence 16)
Language
German
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IRI
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173 28. September. Die Rebbezin! Eine Fülle von Vorstellungen ruft das Wort in mir wach. Ich sehe im Geiste meine gute Mutter, wie sie still und bescheiden in dem kleinen Örtchen lebt, wo mein Vater, seligen Angedenkens, als Rabbiner angestellt war. Als er starb, gerade während ich im Staatsexamen war, wollte ich sie bestimmen, zu mir nach Berlin zu ziehen. Aber sie mochte nicht. „Hier bin ich zu Haus, hier habe ich das Grab meines Mannes, siellrauno lebroche, hier sind die Gräber meiner seligen Eltern und meiner Geschwister, hier liegen deine beiden Schwestern, die jung gestorben sind . . . hier ist meine Welt. Jeder Mensch kennt mich, und ich kenne alle Leute. Was soll ich in Berlin unter lauter Fremden? Ich würde mich ängstigen ' und nicht zurecht finden und dich würde ich nur hindern in deinem Beruf. Lass' mich wo ich bin. Alte Bäume soll man nicht verpflanzen. Und hier kann ich auch bekowet leben mit dem, was ich Hab ... In der teueren Stadt reichts nicht hin und nicht her. Wenn du mir nur oft schreibst und mich alle Jahre besuchst, so Hab' ich ein beglücktes und gesegnetes Alter." So habe ich es auch gehalten und werde es weiter halten, hoffentlich noch lange Jahre. Mein Mütterchen ist rüstig und gesund und in dem kleinen bescheidenen Winkelcheu, das sie zu ihrem Witwensitz sich zurecht gemacht hat, wohnt echter Frieden und wahre Demut . . . Demut! Das ist nun gerade nicht das rechte Merkmal einer Rebbezin! Was so eine echte, vollgiltige war, die war gewöhnlich stolz und selbstbewußt. Je bescheidener und schlichter der Row ist, desto hochmütiger und anspruchsvoller die Rebbezin. „Das ist auch gang natürlich", hatte Simon Eichelkatz heute zu mir gesagt. Die Juden tanzen ihren Beamten gern auf dem Kopf herum und sind hartherzig und herrschsüchtig den Schwachen, Abhängigen gegenüber. Es ist das ein unaufgeklärter Zug in der jüdischen Volksseele. Vielleicht liegt es daran, daß sie oft Besserwisser sind und rechthaberisch. Und nun kommt so ein feiner, stiller, friedliebender, nachdenklicher Mann, wie es die Rabbiner ja in den meisten Füllen waren, besonders damals vor fünfzig Jahren, und sofort regte sich der Widerspruchsgeist in ihnen, und je mehr

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