Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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171 zum Lernen hatte man wenig Zeit, aber wer ihn verstehen wollte, der konnte.der konnte. Ich war schon ein verheirateter Mann, als er herkam, ich hatte mein Geschäft und konnte leider nicht mehr in die Schule gehn, aber gelernt habe ich doch von ihm . . . sprechen, Herr Kreisphysikus, und vielleicht auch denken . . . obwohl das erst viel später kam. Bei der Arbeit uud bei den Geschäften kommt man nicht dazu. Aber ich sah und hörte alles, was der neue Rabbiner vornahm, und ich verfolgte es mit Interesse, wenn ich auch damals noch nicht reinreden konnte in Gemeindesachen. Und wissen Sie, was er dann that? Eine Schule rief er ins Leben, eine jüdische Gemeindeschule mit lauter akademischen Lehrern. Die Mädchen- und Knabenschule getrennt, und alles lernte man dort, wie in den Schulen der Christen. Als er die Weihrede bei Eröffnung der Schule hielt, da sagte er: das seien die Segnungen des Jahres 1848, das uns Juden die Freiheit gebracht hat, als Staatsbürger von allen Rechten des Fortschritts und der Kultur Gebrauch machen zu dürfen. Und um. ihn herum die Knaben und die Mädchen festlich gekleidet und die Eltern dankbar und gerührt. Die „Gegenpartei" aber richtete sich auch gegen diese geistigen Bestrebungen und das Wort „Fortschritt" machte sie wild, wie ein rotes Tuch den Ochsen." Simon Eichelkatz hatte heute einen besonders guten Tag. Er erzählte alles so lebendig. Es war, als wirkten die Kämpfe jener Zeit noch in ihm nach. Natürlich, der junge Geschäftsmann, der schon einen eigenen Hausstand hatte, stellte sich ganz auf die Seite der Liberalen, die zum Rabbiner hielten, während die „Andern" höhnisch und mit fanatischem Ingrimm von dem „neimodischen Row" sprachen und die Einrichtungen, die er machte, zu zerstören bemüht waren. „Die Abänderungen, die er auch im Gottesdienste einführte, vor allem der von einem musikalisch geschulten Kantor geleitete Chorgesang, erbitterte sie derart, daß sie nun sogar offen auftraten und sich einen eigenen Gottesdienst unter Dovidel Kesslers Führung einrichteteu. Er aber hatte Nachsicht und Mitleid mit seinen Feinden und wollte nichts davon hören, wie sie ihn besudelten. Er war eben ein