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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 169

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 169 (sequence 12)
Language
German
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169 Instinkte. Als ich hinaustrat, regnete es noch immer. Undurchdringliche Wolken hingen tief herab, als ob die ganze Welt versinken sollte in den kalten, triefenden Nebelmassen. Die Stufen der Treppe, die zum Mehlmarkt führten, waren glatt und schlüpfrig. Vorsichtig tastete ich mich hinunter. „Wahrlich, ich sage Euch: Gutes und Böses, das unvergänglich wäre — das giebt es nicht! Aus sich selber muß es sich immer wieder überwinden" . . . halblaut sprach ich diese Worte vor mich hin. Mich fröstelte und müde und abgespannt schlich ich nach Hause. 26. September. Ich weiß jetzt ungefähr, wie vr. Salomon Merzbach ausgesehen hat. Simon Eichelkatz besitzt eine alte Daguerrotypie von ihm, die er sorgfältig aufbewahrt und wie ein Heiligtum ehrt. Er hat mir das Bild gezeigt, als ich heute Vormittag bei ihm war. Freilich auf der glänzenden, sich spiegelnden Platte schienen die Züge fast verwischt, aber als ich es mit der Hand beschattete, traten sie aus dem Dunkel deutlicher hervor. Ein feinesedles Gesicht, von liebenswürdigem Ausdruck und unendlich gütig. In den Augen leuchtet es wie von verstecktem Spott, aber wohlwollend, gutmütig — vielleicht etwas wehmütig. Nicht wie jemand, der die Schwächen der Mitmenschen verhöhnt, sondern wie einer, der sie bemitleidet, sieht er aus. Der souveräne Humor des Weisen spielt um den kräftigen Mund mit den etwas sinnlichen Lippen. Man empfindet die Größe und Güte einer reinen Natur, wenn man in die Züge dieses Antlitzes sich vertieft. Ein schmaler Bartstreifen umrahmt das Gesicht und rundet sich unter dem starken Kinn. Das giebt dem Gesicht einen geistlichen Ausdruck, und man denkt eher an einen Pastor als an einen Rabbiner. Es war, als hätte Simon Eichelkatz meinen Gedanken gang erraten, denn er sagte plötzlich: „Kleinigkeit hat sich hier was gethan, wegen dem Bart! ,Ä Row soll tragen ä glattes Gesicht!' Die Orthodoxen haben gerast. ,Er sieht aus wie rasiert,' haben sie geschrieen, obschon sie haben genau gewußt, daß man die glatte Haut sich kann allein machen, ohne Messer, mit Aurum . . . entschuldigen Sie, Herr Kreisphysikus . . .

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