Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 168 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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168 hat verstanden. Und da hat er geredt, wie Mansche Rabbenu, wie er is vom Sinai heruntergekommen zu den Kindern Israels. Nicht daß sie schlecht sind, hat er ihnen gesagt, aber daß sie müssen besser werden. Und daß sie sich nicht dürfen beherrschen lassen von ihren Instinkten und Neigungen, sondern daß jeder an sich arbeiten müsse, um klüger und edler zu werden, und daß jeder das könne, denn es sei sein göttliches Erbteil, das einem jeden Menschen verliehen, als Gott ihn schuf nach seinem Ebenbilde. Und sie sollten stolz sein auf ihr Menschentum und sie sollten die Menschenwürde dazu erwerben. Herrlich hat es geklungen, und wenn sie ihn auch nicht verstanden haben, so haben sie doch geweint vor Rührung und haben gesagt, es sei eine S'chie für die Khille, daß so ein Mann ist ihr Row geworden. Und aus den benachbarten Ortschaften sind die Leut hergekommen, um Doktor Salomon Merzbach reden zu hören und in der Weinstub' von Heimann am Ring hat man von nichts anderem gesprochen. Was fein war oder dafür gelten wollte hat sich anfangs zu ihm gehalten, mehr aber noch die poscheten Leute und die armen und unglücklichen, denn für die war er, wie ein Engel von Gott gesandt." Der Erzählende machte eine kleine Pause, als ließe er im Geiste diese Zeit nochmals vor sich auserstehen. „Milde war er mit den Schlechten und freundlich und nachsichtig mit den Verstockten und Böswilligen, und erklärte ihnen, daß sie nach ihrem Willen gut sein können, denn der Wille sei dem Menschen gegeben, um ihn auszuüben und um ihn zu überwinden. Ich war damals noch jung und ich verstand ihn nicht, aber eins verstand ich doch, daß da ein großer und guter Mensch gekommen sei, der predigte in unserer Wüste." . . . Woher hat Simon Eichelkatz diese Bilder, diese Begriffe, diese Worte? Ich stehe vor einem Rätsel. „Später aber," fuhr er fort, „begriff ich, was er meinte. In uns ist nichts Gutes und nichts Böses, erst wie wir handeln, bestimmt den moralischen Wert der Dinge." . . . Mir war als müsse ich einen Aufschrei unterdrücken. Ich sprang empor und sagte eiligst gute Nacht. Es war mir fast unheimlich, die neuen Werte, die Grundgedanken über gut und böse, hier von einem völlig Ahnungslosen angedeutet zu hören. Die Juden besitzen unbedingt philosophische