Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111078-3112171--1647-3112349- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
166 gerichtet zu hören: „Wie stehen Sie zu Nietzsches: Jenseits von Gut und Böse?" oder „glauben Sie, daß die Maler des Quatrocento und die Sezessionisten von heut Berührungspunkte haben?" Wie weh das thut! Physisch beinahe. Jedenfalls hat es mir die Lust am Küssen sanfter Rosenlippen oft verdorben. Wenn ich Weisheit suche, wenn ich an der Quelle des Lebens schöpfen will, dann gehe ich hier nicht zur Jugend, sondern zum Alter. Ich war heute Nachmittag wieder bei Simon Eichelkatz. Draußen stürmte und regnete es. Ein unfreundlicher, grauer Herbsttag. Der erste in diesem Jahre. Bis jetzt hatte das Wetter sich noch gut gehalten. Ueber der kleinen, stillen Stube lag etwas Beschauliches, Wohliges, Durchgeistigtes. Halb träumerisch halb nachdenklich. Wie ein allmäliges Ausklingen einer großen Melodie., Ob Simon Eichelkatz jemals etwas von Stimmungen „ehört hat? Es gelüstete mich ihn darnach zu fragen. „Sagen Sie, Reb Schime," so nannte ich ihn jetzt oft, „haben Sie, wenn Sie hier so ganz allein und einsam sind, in dieser großen Stille, ein besonderes Gefühl, so . . . so, wie soll ich es nennen, als ob Sie ein Teil Ihrer Umgebung wären, als ob Alles, was hier um Sie ist, mitwirkte, um in Ihnen bestimmte Ideen auszulösen. ..." Ich mußte lächeln, als ich das Wort aussprach . . . jetzt sage nur noch „Milieu" verhöhnte ich mich selbst, und dennoch, niemals habe ich die Bedeutung dieses Wortes stärker empfunden als in diesem Augenblick. Der alte Mann sah mich an, als wolle er in meinem Gesicht die Deutung der ihm unverständlichen Frage finden. Sinnend ruhten seine klaren, noch immer scharfen Augen auf mir, dann flogen sie durch das Zimmer, als sollte dies ihm über die Zusammenhänge meiner Frage Aufschluß geben und endlich sagte er langsam, als könne er seinen Gedanken nur schwer formulieren: „Ich höre die Stille um mich . . . meinen Sie das Herr Doktor? Ich höre die Stille und darum bin ich nicht einsam. Meine Seele ist nicht taub und zu mir redet Alles, was mich umgiebt. Und der Tisch hat eine Sprache und der Stuhl auf dem ich sitze und meine Pfeife, Herr Doktor, meine lange Pfeife, die redt' sehr viel . . . und der Kidduschbecher dort