Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 165 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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165 haben müssen. Eine ganz stattliche Liste der Namen angesehener Leute liegt auf meinem Schreibtisch ... ich habe auch die feste Absicht, mich ihnen vorzustellen, mein Vorgänger hat es mir dringend empfohlen. „Sie werden sich am schnellsten hier einleben, wenn Sie in den Kreisen der begüterten jüdischen Familien sich einführen werden. Die Gemeinde hat von altersher einen Ruf, auf Bildung und gute Lebensführung etwas zu halten, und was können Sie in der kleinen, vom Weltgetriebe abseits liegenden Stadt Besseres finden, als so ein wenig Anregung im häuslichen Kreise," hatte er zu mir gesagt. „Die Abende sind lang, man kann nicht immer beim Skat sitzen" ... ich ganz gewiß nicht, denn ich kenne das Spiel nur äußerst mangelhaft . . . also die gebildeten jüdischen Familien sind meine Zukunft hier . . . vorläufig aber habe ich noch etwas anderes gefunden, was mir mehr giebt, als die zu erwartenden Anregungen ästhetisierender Frauen und Jungsiauen jüdischen Glaubens. — O, und ich liebe meine Juden, meine Brüder so innig! Aber nicht blind soll mich dies machen für ihre Schwächen. Ich zähle zu diesen die Schöngeisterei und Bildungsheuchelei, die so sehr überhand genommen unter den Töchtern unseres Volkes. Wie oft habe ich es in Berlin unangenehm empfunden, wenn sie so über Alles und Jedes sprachen mit jener Halbbildung die den Eindruck hervorruft, daß es ihnen nicht um die Erkenntniß zu thun ist, sondern um die Wirkung, die sie Hervorbringen mit ihrem scheinbaren Vielwissen. Was lernen sie nicht Alles, was wollen sie nicht Alles lernen? Wie oft war ich in Versuchung, manch einer von ihnen zu sagen: „Vielwisserei bildet den Sinn nicht, lernet glauben und denken." . . . Soll sich das nun hier wiederholen? Ich bin ängstlich . . . mein Amtsvorgänger hat mir zu viel von den „gebildeten" Jüdinnen vorgeschwärmt und daß einige von chnen in auswärtigen hervorragenden Erziehungsanstalten ihre Ausbildung genossen haben. Ich kenne das und fürchte es. Diesen Instituts drill! Aber es wird wohl nicht anderes übrig bleiben . . . wenn die Winterabende hier wirklich so lang und öde sind, dann werde ich mich der Pein wohl nicht entziehen können, von jungen Lippen, die weich und rosig zum Küssen sind, die Frage an mich