Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 163 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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163 Simon Eichelkatz erzählt mir davon, wenn ich ihn besuche, was fast täglich geschieht. Es gehört jetzt zu meinen liebsten Zerstreuungen, diesen alten Mann aufzusuchen . . . diesen weisen Mann. Denn was er mir sagt, in seiner schlichten einfachen Art, weckt stets neue Gedanken in mir. Er ahnt nichts von der Fülle, von dem Reichtum der Ideen, die in seinem Geiste entstehen, und wachsen. Das kommt Alles so selbstverständlich. Das Tiefsinnigste und das Erhabenste. Heut ist es ein granitner Felsen Kantischer Weisheit, der sich vor mir aufthürmt, morgen klingen die Drommetenstöße Nietzschescher Weckrufe an mein Ohr. Und dieser schwächliche Greis, der sie ausspricht, hat nie in einem andern Buche gelesen, als in dem des Lebens. Des Lebens in einer kleinen, weltfernen Stadt, des Lebens in einer Khille mit all ihren geistigen Rückständen und nationalen Eigentümlichkeiten. Allerdings die Khille in' ihren konzentrischen Kreisen, mit ihrem Festhalten, Zusammenfassen, Jnsichberuhen war ein guter Nährboden für Eigenart und Kraftansammlnng. Nichts wird dort vergeudet, nichts allzu rasch verbraucht in diesen aufs Innenleben gerichteten, zum Innenleben gleichsam gezwungenen Gemeinschaften. Und wieviel Bedeutsames ist von dort hervorgegangen! Wenn die Keime in der Muttererde kräftig gediehen, dann auf einen neuen, frischen Boden kamen, wie blühten sie empor, fruchttragend, befruchtend! Mir ist's jetzt, als könnte Professor Friedrich Eichner gar keiner andern Abstammung sein. Der Sohn, der Erbe von Simon Eichelkatz! Wenn wir in seinem Kolleg, das auch die Studierenden aller anderen Fakultäten überfüllten, mit Staunen und Begeisterung seinen Worten lauschten, die Weltsysteme die er vor uns' entwickelte, sich emporthürmten zu gigantischen Formationen, dann beschlich uns manchmal ein aus Grausen und Bewunderung gemischtes Gefühl, Wer war dieser Mann? Ein Neuerer, ein Himmelsstürmer. Und nun höre ich aus dem Munde eines alten Mannes Ideen, Vorstellungen, Wahrheiten, die grundlegend für die Weltanschauungen des andern gewesen sein mochten. Ohne daß es einen Lehrer und einen Schüler gegeben hätte in diesem Verhältnisse. Denn Professor Friedrich Eichner wußte nichts von seines Vaters Weisheit und dieser weiß nichts von seines Sohnes philosophischem Weltgebäude. 11«