Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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160 er in der gedielten Stüb" ... Ich wußte im Augenblick nicht recht, was er damit sagen wollte. Erst als ich bemerkte, daß die Küche nur einen Lehmsußboden hatte, kam ich auf die feine Unterscheidung, daß die Stube in der mein Patient sich aufhielt, mit Brettern gedielt sei. „Wollen Sie mich dahin führen?" fragte ich höflich. „Wie haißt führen? Man braucht nix zu führen . . . es ist nebenan . . . geführt muß man wer'n! . . . Die neimodische Leit müß man führen, sie kennen nix von selber gehn?! . . . Bei diesen wenig freundlichen Worten riß er eine Thür auf und schrie herein: „Der Doktor is do . . . der Herr Kreisphysikus ... ich soll'n zu Euch ftihren Reb Schime . . . allein trefft ers garnicht. Reb Schime, soll ich ihn reinfohren mit de weiße Schimmel oder.de schwarze Rappen . . . es is ihm zu weit zu Euch, Reb Schime, die neimodische Leit wollen als geführt sein, angemolden von ä Lewkoi. Ob se zum König kimmen, oder zu Reb Schime Eichelkatz bleibt einerlei . . . angemolden woll'n se sein." ... Seine Worte waren von einem höhnischen Gelächter begleitet und er sah mich sehr verdnzt und bitterböse an, als ich ihn mit kräftiger Handbewegung zur Seite schob, gerade als er noch ausrief: „Herr Kenig, der Doktor is da." Ich stand mitten in der Stube . . . „in der gedielten Stüb" und in der That, ich stand vor einem königlichen Menschen, vor Simon' Eichelkatz! 16. September. Was ist es nur, das mich zu diesem alten Manne hinzieht? Ich fteue mich beinahe, daß er meiner ärztlichen Hülfe bedarf. Ein merkwürdiger Egoismus . . . glücklicherweise ist es keine ernstliche Krankheit. Leichte Störungen im Organismus, wie sie das Alter mit sich bringt. Mein Patient ist hoch in den Siebzigern und eigentlich von unglaublicher Frische. Ein Ohnmachtsanfall, der ihn plötzlich ankam, hatte seinen Diener veranlaßt, zu mir zu schicken. Den knurrigen, unwirschen Mann, der mich so wenig höflich begrüßte, als ich meinen ersten Besuch machte. Jetzt bin ich an Feivel Silbermanns Ausfälle und Spitzfindigkeiten schon gewöhnt. Ich weiß, es ist nicht so bös gemeint und von