Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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159 Und dennoch, ich vermöchte nicht darin zu beten . . . trotzdem mein Vater einst an solcher Stätte das Wort Gottes lehrte. Können wir modernen Menschen überhaupt noch beten? Und nun gar die merkwürdigen, hebräischen Worte, den meisten heute unverständlich . . . owino malkeinu! . . . In das „Vater unser" hat die Kirche es übertragen. Es ist das inbrünstigste ihrer Gebete. „Owinu malkenu!" Ich sehe mich als kleinen Knaben neben meinem Vater stehen. Wie gläubig, wie vertrauensvoll, wie hoffnungsreich klangen diese Worte aus seinem Munde: „Owinu malkenu choswenu besefer parnosso wechalkolo . . „Unser täglich Brot gieb uns heute." Synagoge und Kirche! Ob hebräisch, ob deutsch, ob lateinisch ... ob bei den schrillen Klängen des Schofars oder dem weichen, sinnenreizenden Orgelklang . . .? Ich glaube der moderne Mensch kann nur in der stummen Sprache des Herzens beten. Religion und Philosophie bleiben die beiden Mächte, die eine starke und freie Persönlichkeit auslösen. Wenn ich in einer Synagoge ganz allein wäre, ich glaube, es würde mich andächtig stimmen, ich würde dort beten. In Florenz ist es mir einmal so ergangen, als ich in früher Morgenstunde, mich ganz allein in einer kleinen Kirche jenseits des Arno fand. In 8. Maria del Carmine, deren Fresken, von Masaccio gemalt, den Jubel und die Freude über die Schönheit und Größe des Menschen verkünden. Aber ich erinnere mich genau, hebräische Worte waren es, die wenn auch nicht über meine Lippen kamen, doch in meinem Herzen aufwachten. Die stumme Sprache der Seele hat also wohl Heimatsklang. Ich muß der Wahrheit die Ehre geben und bekennen, daß Simon Eichelkatz mich dazu angeregt hat, diese Betrachtungen aufzuzeichnen. Mein Patient auf dem Mehlmarkt. Als ich die steile, sauber gescheuerte und mit weißem Sand bestreute Treppe zu ihm emporkletterte, ahnte ich nicht, daß ich in wenigen Augenblicken einem der interessantesten Menschen gegenüber stehen würde. Die Treppe führte direkt in die Küche, dort empfing mich ein langer, hagerer Mann, der auf meine Frage, wo Herr Eichelkatz sei, mürrisch antwortete: „Efscher ist