Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Mittheilungen aus dem Briefwechsel zwischen Zunz und Kaufmann
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 127 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111078-3112170--1607-3112310- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
127 doch auch mich ein wenig ergriffen. Wer heute mit fühlendem Herzen den Gang der Politik betrachtet, lernt vor allem die gepriesene Civilisation unserer "Tage als Lüge verachten und möchte lieber auf einer weglosen Insel als in einem modernen Staate leben. Unser Parlamentarismus ist das Spielzeug für große Kinder, die Mündigkeit der Völker gehört dem Reiche der Fabel an. Hierin liegt eine Empfehlung der Wissenschaft. Wenn auch diese vielfach nur die Geschichte alter Thorheiten zu Tage fördert/ so hat sie doch vor dem Leben und der Beschäftigung mit der Gegenwart den Vorzug, daß uns die lebendige Thorheit nahegeht und die Vorgänge des Augenblicks unser Herz in Mitleidenschaft ziehen. Ich kehre wenigstens mit immer neuer Vorliebe zu meinen Büchern zurück und freue mich einer so lebensvollen Forschung wie der jüdischen meine Kräfte widmen zu dürfen. Die Auferstehung unserer Geschichte aus dem Grabe der Handschriften hat für mich einen dramatischen Reiz. Ich bin [mit] allem, was Firkowitz gesündigt, durch die Erinnerung an all das Herrliche, ausgesöhnt, was er uns geschenkt hat. Jetzt will Harkavy^) die Fragmente Samuel Hanagids herausgeben, der für die jüdischen Gelehrten seiner Zeit mehr Verständniß hatte als die Veziere Oppenheim und Bleichröder. Derenburg* 2) wird endlich bie: alte Schuld an den ״geflügelten" Jbn Ganach abtragen, indem er seine grammatischen Schriften im Urtexte herausgiebt. Mit Neid blicken Gabirol, Jehuda Halevy und Mose Jbn Esra auf ihre bevorzugten Genossen im Weinberge der heiligen Sprache. Luzzatto ist vor der Zeit hingerafft worden, S. Sachs, der für Gabirol noch Großes versprochen hat, soll an einem schweren, fast hoffnungslosen Leiden kranken, und diejenigen, welche einen hebräischen Dichter mit Verständniß herauszugeben vermöchten, sind gar spärlich und dünn gesäet. In den letzten Tagen haben mich Lebrechts Worte über Mendelssohns Geburtsjahr beschäftigt. Kann der Fehler nicht auf dem Grabstein eingemeißelt fern3)? Das scheint übrigens alte Waare zu sein, da noch darin Ihre alte Adresse angegeben ist. Matrikel und Mohelbuch ist ja kaum mehr vorhanden, um die Sache zu entscheiden. Schwerlich dürfte dieser Jrrthum, wenn er besteht, so vielen Forschern, darunter Ihnen selbst, entgangen sein. x) Im Jahre 1879 erschien das Buch als Bd. I seiner ״Studien und Mittheilungen aus der Kaiserl. öffentl. Bibliothek zu St. Petersbürg" in hebr. Sprache. 2) Es erschien 1880 unter dem Titel: ,,Opusciües et traites d’Aboul-Walid Mervan Ihn Djanah de Oordoue. Texte arabe avec une traduction fran9aise“ in Paris. 3) Vgl. Mg. Zeitung des Judenthums 1878, S. 556. 566.