Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 118 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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118 des Menschengeschlechts von einem Elternpaare; die Abstammung der neuen Menschheit vvn Noah; die aus dem Herzen hergeleitete Moral als eine Gesetzgebung Gottes; ein Gesetz, ein Recht für alle; die Befreiung des Arbeiters durch die Sabbathfeier; die auch auf die Fremden sich erstreckende Nächstenliebe. In den Gottesbund sollen alle eintreten, die Bedingung für den Eintritt ist das Bekenntnis des Einzig- Ewigen und die Annahme seines Sittengesetzes, das da umfaßt: Gottesliebe und Menschenliebe oder Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Wahrheit, Recht und Frieden, wie die Ideale lauten. Haben wir in der Lehre Moses den Volksgedanken, haben wir bei den Propheten neben diesem auch den Völkergedanken, so haben wir im dritten Teile der h. Schrift den Jchgedanken. Er umspannt das Leben des Einzelmenschen, sein Seelenleben, wie sein Verkehrsleben. Der Trübsinn wird überwunden durch eine befriedigende Lebenspsticht, der Pessimismus durch eine heroische Lebensansicht, die wir Optimismus nennen, die Weltflucht durch ein wohlwollendes Zusammengehen in Freundschaft und Geselligkeit. Die Gemeinschastsreligion Moses' und der Propheten wird hier zu einer persönlichen Religion in engeren Kreisen. Das ist wohl auch der Grund, warum das ganze Volk sich nur zu den beiden hohen Festtagen sammelt, an den Tagen, die vorzugsweise das menschliche Leben in Betracht ziehen. Das wäre aber zu gleicher Zeit ein Beweis dafür, wie das jüdische Bewußtsein zurückgetreten ist gegen das rein menschliche Bewußtsein. Wir müssen auch mit dieser Thatsache rechnen, und es bleibt uns nur das eine übrig, alle Lebensfragen im Lichte des Judentums zu behandeln, wobei uns die beiden ureigenen Ideen des Judentums, die Erlösung und die Versöhnung als Leitsterne werden zu dienen haben. Die Erlösung geht auf die Beseitigung aller staatlichen und socialen Übel, die Versöhnung auf die geistig-sittliche Reinigung und Wiederherstellung des Einzelnen, wie auf den stiedlichen Ausgleich zwischen Mensch und Mensch im Hinblick auf den Allvater, den Gott der Liebe und Treue. Die Erlösung findet im Gottesreich, die Versöhnung am Versöhnungstag ihre Erfüllung.