Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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— 117 — über verbindet alle Menschen. Die Erwählung drückt unsere Bestimmung aus, wir haben sie gerechtfertigt durch ein blutiges Martyrium, und wir müssen sie durch schwere Opfer täglich neu verdienen. Sie aus dem,, Gebetbuche streichen in der Befürchtung, daß sie als eine Überhebung angesehen werden könnte, das ist eine falsche Rücksicht; sie verschämt auf der Kanzel umschreiben, das kommt einer Selbstvernichtung gleich. Wir haben den religiösen Berufsgedanken vor der ganzen Welt zu vertreten, nur dann gewinnen wir eine religiöse Heimat; überall, wo wir unsere Kanzel und unser Katheder aufrichten, ist dann der heilige Boden des Gottesreiches. Gewiß hoffen auch wir: „Für Zion wird der Erlöser kommen", aber die Erlösung Zions ist abhängig von der Erlösung der ganzen Welt. Mit der Erlösung der Welt aus Wahn, Unrecht und Gewalt ist Zion das Wahrzeichen geworden für die Erfüllung der prophetischen Verheißungen. Israel ein Bindeglied zwischen den Völkern! Für diese hohe Aufgabe verleiht uns die Thora immer von neuem Triebkraft und Ansporn. Wir pflegen unter Thora nur die Lehre Moses zu verstehen, aber alles, was aus dem jüdischen Geiste herausgewachsen ist, bis auf die Gegenwart, ist uns Thora. Um den Inhalt der gesamten Thora nach seinen verschiedenen Arten zu gruppieren, genügt es jedoch, wenn wir die Dreiteilung der h. Schrift ins Auge fassen. Die Lehre Moses hat den Volksgedanken zum Inhalt. Mose hatte sich nur mit einem Volk zu beschäftigen. War es erst ein Gottesvolk geworden, dann konnte es auch auf die Menschheit wirken, dann mußte es durch seine Gesetze den Nationen als ein weises und einsichtiges Volk erscheinen. Aber vou diesen Gesetzen ist es nur das Moralgesetz, das neben den Religionslehren für die Völker verbindlich wäre. Diesen Gedanken sprachen die Propheten aus, es ist der Völkergedanke. Damit vollzog sich jedoch nicht eine Fortbildung des Mosaismus im Sinne einer aufsteigenden Entwickelung, denn im Mosaismus lagen bereits die Gedanken des Universalismus: Gott,Schöpfer undHerr derWelt; Gottder Einzig-Ewige; der Mensch ein Ebenbild Gottes; die Abstammung