Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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116 können! Im übrigen mußte auch gegen Babel das gelten, was über Ägypten und Kanaan gesagt ist: ihr Thun sollt ihr nicht nachahmen, ihre Sitten nicht befolgen; auch Babel hatte nur einen höchsten Gott unter andern Göttern. Die Bibel unterscheidet sich auch von Babel dadurch, daß sie überhaupt erst ein Bundesverhältnis zwischen Gott und den Menschen aufstellte; da wird der Sabbath ein Bundeszeichen, da werden die Gebote Bundespflichten. Dadurch wird dem Menschen einerseits die Freiheit zugestanden, er wird nicht zum Sklaven des Gesetzes gemacht, was ja bei einem Bunde undenkbar wäre. Der Knecht wird frei, wenn der Herr mit ihm einen Bund schließt; das Gesetz ist Israel vorgelegt worden, und freiwillig nahm es dasselbe auf sich. Andererseits wird von ihm die Liebe gefordert, wodurch der Bund sich zugleich zu einem kindlichen Verhältnis verinnerlicht. Gott als Vater ist zuerst in Israel erkannt und angerufen worden, eine Thatsache, die uicht stark genug betont werden kann. Nehmen wir Religion im Sinne eines Bundes, dann ist das Jsraelitentum nicht eine Religion, sond ern die Religion. Babel ist mit seinem Staate untergegangen, Israel aber ist erst gerade nach dem Verluste seines Staates zu einem Bindeglied für die Völker geworden. Sein Staat war ein Gottesstaat, und als es diesen verlassen, sollte sich ihm die ganze Welt zu einem Gottesreich gestalten. Zwar blickte es stets mit kindlicher Pietät und Sehnsucht zurück auf das Land der Väter, aber der Prophet tröstet es mit der hohen Bestimmung, die ihm zugefallen: „Nicht genug, daß du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs auszurichten und die Geretteten Israels zurückzuführen: ich mache dich zum Licht der Völker, daß mein Heil bis ans Ende der Erde komme. Du bist mein Knecht, den ich stütze, mein Erkorener, an dem ich Gefallen habe, auf dich legt' ich meinen Geist, den Völkern Recht zu bringen. Zum Heile häb' ich dich berufen, ich mache dich zum Bund der Völker, zum Lichte der Nationen." Wie die Griechen die Auserwählten waren für die Wissenschaft und Kunst, so sind wir die Auserwählten für die Religion. Und unsre Erwählung hat eine umfassendere Bedeutung als die Erwählung der Griechen, denn Wissenschaft und Kunst verbindet nur die Gebildeten, die Religion