Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 12)
- Language
- German
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115 Langweilige Belehrung ist eine Versündigung an dem heiligen Geist der Jugend. Alles, was nicht auf die Kanzel gehört, sei dem Katheder Vorbehalten. Und auch hier werden wir noch abzugrenzen haben. Den Jüngern der Wissenschaft gehört das Katheder der Forschung. Ihm kommt auch alles Polemische zu. Unsere Kämpfe kann nur die Wissenschaft führen, wie in Schriften, so auf dem Katheder der Wissenschaft. Dagegen gehört das Vortragskatheder gleich der Kanzel dem Volke. Es ergänzt die Kanzel, da sein einziger Zweck ist: Belehrung und Mitteilung der Ergebnisse der Forschung auf dem gesamten Gebiet der jüdischen Geschichte und Litteratur, wie auch des Volkslebens. Der Kanzel verbleibe neben der Homilie die textlich-thematische Predigt, die den Glaubensgenossen wie den Menschen in Anspruch nimmt. Und nun wenden wir uns zu dem Inhalt der jüdischen Predigt. Unsere Religion stellt sich dar als ein Bundesverhältnis zwischen Gott und Israel. Wie Juda Halevi erschöpfend ausführt, ist Gott nicht bloß aus der Natur erkennbar, sondern namentlich aus der Geschichte. Keine begrifflichen Beweise für das Dasein Gottes auf der Kanzel! das überlassen wir den Philosophen. Das Walten Gottes tritt uns in unserm eigenen Leben wie in der Geschichte so lebendig vor Augen, daß wir ihn förmlich menschlich anreden, aber diese Redeweise beweist nur, wie nahe uns Gott ist. Wir sagen nicht: in Gott leben und weben, denn alles Mystische, alles Pantheistische ist uns fern; wir wahren die Persönlichkeit Gottes, wie wir die Individualität des Menschen wahren; wir sagen: mit Gott wandeln, vor Gott wandeln, Gott nachwandeln. Nur zu einer Persönlichkeit können wir ein persönliches Verhältnis Herstellen. Und die zuerst ein solches Verhältnis hergestellt haben, war Israel; darum ist es der „erstgeborene Sohn Gottes". Ob Babel vor der Bibel Gott als Jhwh benannte, ob es einzelne Sittengesetze aufstellte — was will das bedeuten? Nennt doch die Bibel aus der vormosaischen Zeit Malkizedek als Priester des höchsten Gottes! Bemerken doch die Talmudisten: schon aus der Natur hätte man Sittengesetze finden S*