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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 114

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums
Date
1903-01-01
Page
Seite 114 (sequence 11)
Language
German
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114 Erbauen heißt: eine schöne Welt im Herzen aufbauen, insofern man aus dem Menschen das herausfördert, was in ihm^Göttliches lebt, so daß er sagen muß, man habe ihm aus der Seele gesprochen. Erbauen heißt: religiöse Gefühle derart zum Bewußtsein bringen, daß aus ihnen die Gesinnung und die Thatkraft folgt, das Leben und das Handeln. Erbauen heißt: für den Lebenskampf ausrüsten und die Müden durch das Wort stärken. Nach dieser Auffassung muß uns auch jede Polemik auf der Kanzel widerstreben. Während die sittliche Entrüstung zu pathetischer Rhetorik verleitet, drängt das natürliche Empfinden zu poetischer Darstellung. Wir erreichen durch die Schilderung des Gerechten und seines Seelenglückes mehr, als wenn wir über den Frevler bitter werden; auch wo wir die Zeichnung des Ungebührlichen unternehmen, sollte sie nur Mitleid mit dem Verirrten erwecken. Selbst da, wo wir zur Polemik hetausgefordert werden, hätten wir uns auf die Apologetik zu beschränken, ohne weiter zu einem Angriff überzugehen. Das Volk treibt der Hunger und Durst nach dem Gotteswort; die Predigt darf deswegen „keine Vereinsrede, keine Volksrede, keine Landtagsrede sein". Die Frucht der Lippen sei der Friede, alle Wege der Lehre find anmutiger Art, alle ihre Pfade führen zum Frieden. Beschweren wir den Quell lebendigen Wassers mit Steinen, so könnte es leicht kommen, daß das Volk sich zu anderen Brunnen begibt, von denen es Lebenswasser erwartet. Die geistige und sittliche Erbauung, das ist der Zweck der Predigt. Die Thora, die, wie ihr Name besagt, Lehre ist, hat Reden erbauenden Inhalts. „Erkenne und nimm dir das Erkannte zu Herzen!", was ist das anderes als sich erbauen? Sind nicht die Reden einzelner Propheten, sind nicht die talmudischen Sentenzen und Parabeln zumeist erbauend? Haben wir nicht eine ganze Litteratur von Erbauungsbüchern und Sittenpredigten? Und nun vollends die Kasuälpredigt, von der schon die Alten sagten, ihr Ziel sei die Erbauung: die Trauerrede soll Beruhigung und Aufrichtung, die Trauungsrede Freude und Zuversicht gewähren. Selbst die Jugendpredigt hat das Lehrhafte zu vermeiden; anregend betrachten und bei dem Aufbau mitbeteiligen, das ist die rechte Art.

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