Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 113 (sequence 10)
- Language
- German
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113 das erste Erfordernis. Wenn Räbs Lehrhaus so hoch gelegen war, daß es die ganze Stadt überragte; wenn man, wo es die Not gebietet, eine Synagoge in ein Lehrhaus wandeln darf, aber nicht umgekehrt: so werden wir daraus nur die Folgerung ziehen, daß das Lernen eine Vorbedingung ist, da der Unwissende nicht die rechte Gottesfurcht hegen kann. Hier geht uns die volle Bedeutung des Schulkatheders auf. Aber dem Wissen vor-der Frömmigkeit den Vorzug geben, das ist eine ungebührliche Höherbewertung. Wenn jener Weise seinen Sohn zurechtwies, weil er nach Tiberias ging, um Tote zu begraben, statt sich dem Studium zu widmen, so stimmt das allerdings zu dem Satze: das Studium hält allen religiösen und sittlichen Pflichten das Gleichgewicht. Geben uns aber andere Aussprüche des Talmuds nicht die einzig ersprießliche Direktive: „Nicht das Forschen ist der Endzweck, sondern das Wirken." „Gedeihlich ist die Thora mit der Erfüllung der Tagesförderung." Stubengelehrte denken einseitig nur an das Wissen, das Volk aber hat noch andere Bedürfnisse; es hat Seelenkämpfe und Lebenskämpfe zu bestehen, es konunt mit seinen Erfahrungen und Erlebnissen und verlangt nach einer Weltansicht, nach einem Lebensideal. Das Volk strömt nur dorchin, wo es nicht blos für den Geist, sondern auch für das Gemüt etwas zu finden hofft. Wird jedoch -die Kanzel zu einer Fortbildungsstätte gemacht, so können wieder Zeiten eintreten, daß man vor der sogenannten Predigt die Flucht ergreift oder daß man sich dem Schlafe des Gerechten überläßt. Die Erfahrungen R. Abbahus und R Chijas sollten nie vergessen werden. Anstatt nun, daß wir die Kanzel zum Katheder machten, fordern wir: die Predigt soll nicht lehrhaft sein, sie soll betrachtend darstellen, wobei sie noch immer bestimmte Leitsätze wird prägen können, damit das Volk etwas Greifbares mit nach Hause nehme. Indem die Predigt den Geist bereichert oder zum mindesten orientiert und zugleich das Gemüt erhebt, wirkt sie erbauend im edelsten Sinne. Die Erbauung ist kein fremdes Element. Wie es vom Manna heißt, es sei der Jugend Brot, den Alten Honig, den Kindern Ol gewesen — dasselbe muß auch das Gotteswort bewirken. 8