Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111078-3112169--1591-3112295- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 112 — Danach ist die Abhandlung noch keine Rede, sie eignet sich mehr zur Lektüre, allenfalls zur Vorlesung; auch ein Kathedervortrag ist noch keine Rede, wenngleich er rhetorische Momente enthält; auch die Homilie ist noch keine Rede, da sie Schrifterklärung ist. Erst die Predigt ist eine Rede, die auf eine schöne und überzeugende, dem Ort und der Zeit angemessene Weise die Zuhörer zu fesseln vermag, und die vor allem nicht erdacht oder erdichtet, sondern erlebt sein muß. Wir gehen nicht so weit wie Riehl, der der thematischen Predigt, selbst wenn sie sich auf einem Text aufbaut, die Homilie vorzieht. Er meint: „Wer das Bibelwort in seinem Zusammenhänge mit dem betreffenden ganzen Abschnitt der Schrift nachweist, nach seinem Wortlaut und nach allen Geheimnissen seines inneren Sinnes erläutert, wohl auch die verschiedenen Auffassungen berührt. . . und dabei nicht unterläßt, auch den praktischen Wert des Wortes für unfern Wandel und Glauben scharf und klar, doch kurz andeutend zu berühren, der wird am leichtesten eine aufmerksame Gemeinde finden. Er giebt dann eben eine Homilie." Von dieser Begrenzung der Kanzelrede müssen wir abweichen, wenn es sich um einen festlichen Redeakt handelt. Für den Sabbath mag eine Homilie ausreichen, der Festtag jedoch verlangt eine Rede, und dem feierlichen Inhalt gemäß eine Rede im hohen Stil, vorausgesetzt, daß er die Einfachheit wahrt, das Kennzeichen aller Kunst. Die Kanzel, die wir nun auch der Kunst gewonnen haben, dient religiös-ethischen Forderungen. Der Streit, der insbesondere über den Zweck der Predigt geführt wurde, betraf drei Punkte: ist ihr Zweck Belehrung oder Erbauung oder Willensbestimmung? Wir meinen: wie die Seelenkräfte in Wechselbeziehung stehen, so wird auch die Predigt nicht einseitig belehren oder erbauen oder den Willen bestimmen dürfen; sie nimmt alle Kräfte in Anspruch, den Geist, das Gemüt, den Willen, und wie sie selbst des Lebens voll ist,, ergreift sie, auch den ganzen Menschen. Wollten wir nur belehren, so wandeln wir die Kanzel in ein Katheder. Davor sollte schon die Scheidung von Synagoge und Lehrhaus warnen. Wohl ist die Belehrung.