Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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111 Lysias; in seiner bloßen Darstellung liegen schon die Beweise, Widerlegungen, Anregungen und Willensbestimmungen. So sind wir zu dem Ausgangspunkt zurückgelangt und können nun den Unterschied feststellen: Die Alten fanden die Rhetorik aus der Erfahrung und Praxis, die Neuen fanden für sie ein ästhetisches Prinzip. Die Kunst ist Darstellung. Ist die Beredsamkeit Darstellung, dann ist ihr Wesen auch Kunst. Die Kanzel ist neben der weltlichen Rednerbühne, auf der eine Festrede oder Gedenkrede gehalten wird, die hauptsächlichste Kunststätte der zusammenhängenden Rede geworden, da die Tribüne in unserer Zeit nicht mehr die künstlerische Bedeutung hat, die sie bei den Alten hatte. Wenn sie bei den Romanen und in England auch nach dieser Richtung noch einen gewissen Anspruch erhebt, wenn Blair die forensische Beredsamkeit als die männliche und einzig echte bezeichnet, so meint doch Bismarck: „Für die Angehörigen eines Staates ist es nützlicher, wenn sie von Schweigern wie Moltke, als von „Rednern" regiert werden. Die Beredsamkeit ist nicht das Maßgebende bei der Sache, und es kommt bei dem Regieren nicht darauf an, ob der Kutscher des Staatswagens elegant fährt, sondern vor allen Dingen darauf, daß er genau die Wege kennt, die zu dem Ziel führen, das erreicht werden soll." Die Rede bedingt eine künstlerische Behandlung nach ästhetischen Gesetzen, gleichviel ob sie in Begriffen spricht oder in gegenständlichen Bildern und plastischen Gestalten; im ersten Falle ist sie eine „Rede zu Fuß", wie die Griechen die Prosa nannten, im letzteren Falle zeigt sie den hohen Stil, der ihnen die poetische Sprache war. Die Idee bildet den Kernpunkt, aus dem die Rede nach allen Seiten hinausstrebt. Die Teile setzen sich nicht von außen an, sie entwickeln sich von innen heraus. Die so durch einen Mittelpunkt festgehaltene Rede gleicht einem einheitlichen Organismus oder, um mit Tacitus zu reden: „Wie der menschliche Körper, so ist die Rede nur schön, in welcher nicht die Adern hervortreten, nicht die Knochen sich zählen lassen, sondern ein ruhiges und gesundes Blut die Glieder füllt, emporschwillt in den Muskeln und die Nerven selbst mit Röte bedeckt und durch Anmut empfiehlt."