Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 7)
- Language
- German
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— 1.10 — Bestrebungen, daß seine Sympathieen und Antipathieen Hand in Hand mit denen seines Volkes gehen." Äschines ist ein beweiskräftiger Zeuge dafür, daß der Unrechte Gebrauch der Redekunst sich auf die Dauer nicht behaupten kann. Er war genötigt auszuwandern, als seine glänzende. Rede gegen Demosthenes nichts gefruchtet hatte, während man dem Angeklagten, dem wiederholt ein goldener Ehrenkranz aufs Haupt gesetzt worden war, ein ehemes Standbild auf dem Marktplatz errichtete. Was Plato als Befürchtung aussprach, das steigert Kant zu einem allgemeinen Urteil. Nachdem im Zeitalter Ludwig XlV. die Rhetorik eine Neubegründung durch Fenelon erfahren hatte, erhebt Kant gegen sie eine scharfe Kritik. Er nennt die Redekunst „eine hinterlistige Kunst, welche unter dem Schein, den Verstand zweckmäßig zu beschäftigen, den Menschen zu einem Urteil zu bewegen, beziehungsweise ihn zn einem Entschluß zu bestimmen, doch in Wahrheit nur mit der Einbildungskraft operiert, so den Zuhörer vor der eigentlichen Beurteilung zu Gunsten des Redners gefangen nimmt, also in Wahrheit eine Kunst, sich der Schwäche der Menschen zu seinen (des Redners) Absichten zu bedienen." Darauf entgegnet Schott: Sind die Mittel der Rede nicht Kunstgriffe, sondern die gleichen Mittel, die die Kunst überhaupt anwendet, dann ist der Redner eine moralische Persönlichkeit, und die Zuhörer sind nicht bestochen worden, sondern bezeigen freiwillig ihre Zustimmung. Noch weiter rückt Theremin gegen Kant vor. Ihm ist die Beredsamkeit eine Tugend, und so leitet er ihre Gesetze geradezu aus der Ethik ab; seine Gewährsmänner sind Demosthenes und Massillon. Der Redner sei von denselben Ideen durchdrungen, die seine Zuhörer bewegen, als da sind Pflicht, Tugend, Glück. Aber die Erkenntnis allein reicht noch nicht aus, um zum Handeln zu bestimmen, darum muß der Redner für die Idee begeistern können, und dazu verhilft ihm die Kunst. Inzwischen hatte ein philosophierender Theologe auch für eine ästhetische Begründung der Rede den Boden gewonnen. Schleiermacher hat das Wort Darstellung gefunden oder richtiger wieder entdeckt und fruchtbar gemacht. Denn reine Darstellung finden wir schon bei dem griechischen Redner