Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111078-3112169--1588-3112292- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
109 war der Inhalt. Leidiges Moralisieren, breite sentimentale Ergüsse/ das Einherfluten auf den Strömen weltlicher Dichter, all das mußte befremden. Das Gotteswort kam nicht urwüchsig heraus, es fehlte das jüdische Kolorit, wie es namentlich durch das nachbiblische Schrifttum gewonnen wird. So bedurfte es einer längeren Entwickelung, bis endlich das Kunstwerk, auch wenn es „Zeitfragen" zum Gegenstände hatte, als eine jüdische Predigt angesehen werden konnte. Hier aber vernehmen wir den Einwurf: entspricht es denn überhaupt dem Geiste des Judentums, wenn wir dem Gottesworte gegenüber eine künstlerische Behandlung fordern? Die Antwort wird sich uns von selbst ergeben, wenn wir uns über Wesen und Zweck der Rede werden verständigt haben. Aristoteles bezeichnet die Redekunst als das Vermögen, für jeden einzelnen Gegenstand und Fall das in ihm liegende Glaubenerweckende zu erkennen. Danach wäre ihr Wesen Kunst, da sie das Vermögen, die Anlage erfordert; ihr Zweck wäre die Feststellung der Wahrheit. Ein Naturredner mag wohl die Herzen erobern durch die Gewalt seiner Mittel und auch über den Willen gebieten durch die Macht der Thatsachen, aber ohne Rhetorik ist er doch kein Künstler, es sei denn, daß er ein Genie ist und unbewußt die Gesetze handhabt. Der Naturrede fehlt eben, ungeachtet ihres Namens, das holde Ebenmaß und die Bescheidenheit der Natur. Wenn Plato auf den großen Schaden hinwies, den einer durch seine Redegewalt anrichten kann, so lieferten ihm die Sophisten und Rhetoren täglich die Beweise, wie durch das Pathos das Ethos verdrängt wurde, wie man mehr zu überreden als zu überzeugen trachtete, mehr schön zu reden als gut zu reden. Ihm erwiderte Aristoteles: Wo gäbe es ein Gut, das nicht mißbraucht werden könnte! Für die höchste überzeugende Kraft leistet ihm Bürgschaft der sittliche Charakter, wie ja auch nach einem Solonischen Gesetz ein den Eltern Ungehorsamer, ein Feiger, ein Wollüstling, ein Verschwender keinen Vortrag an das Volk halten durste. Und der größte Redekünstler des Altertums, der übrigens ein Zuhörer Platos war, sagt: „Nicht das Wort, nicht der Klang der Stimme erwirbt dem Redner Achtung, sondern daß seine