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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 108

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums
Date
1903-01-01
Page
Seite 108 (sequence 5)
Language
German
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108 Pflanzung, da die neuen Prediger sich an christlichen Meistern gebildet und auch das Aeußerliche ihnen abgelauscht hatten, bis auf den Augenausschlag und den salbungsvollen Ton. Selbst die christlichen Standesbezeichnungen wandten sie gem an. Der Name Prediger ist zwar eine echt jüdische Bezeichnung, wir erwähnen nur Koheleth, Darschan und Maggid. Doch drängt sich uns gleich die Frage auf, ob die Gemeinde ihrem religiösen Führer nur nach der einen Seite seines Berufes den Namen geben möchte, selbst wenn sie in der Predigt seine Hauptwirksamkeit sehen sollte. Der Name Geistlicher führt uns zu dem Gegensatz von Priester und Volk. Da geschieht es denn, wie Goethe bemerkt, daß die Menschen alles Gute und Sittliche wie eine Arznei ausehen, die man mit Widerwillen zu sich nimmt, wenn man sich schlecht befindet; sie sehen in einem Geistlichen nur einen Arzt, den man nicht geschwind genug aus dem Hause los werden kann. Auch der Name Seelsorger scheint uns nicht erschöpfend, da es sich ja nicht blos um das Seelenheil handelt, sondern auch um die geistige und körperliche Gesundheit, die ein harmonisches Dasein verbürgt. Der Theologe erinnert uns gar zu sehr an das Katheder der Fakultät; es bleibt uns also nur noch der alte Titel Rabbi. Und diese Bezeichnung halten wir für die zutreffendste, weil umfassendste. Es berührt uns seltsam, wenn wir an einem Schilde „Rabbiner und Prediger" lesen. Die Gemeinde sieht doch, wenigstens bei uns, in ihrem Rabbiner auch den Prediger und Lehrmeister, den Hirten und Wächter, aber auch den Freund und Genossen. Im Allgemeinen will die Gemeinde in ihm ein persönliches Vorbild sehen, wie im besonderen den Herold der Religion. Doch kehren wir zu den Anfängen der jüdischen Predigt auf deutschem Boden zurück. Wäre es nur die Form gewesen, die fremdartig anblickte, das Widerstreben wäre schneller überwunden worden. Man hätte sich schließlich gesagt, die christlichen Prediger gaben uns nur das zurück, was ihre ersten von uns empfangen hatten; man hätte daraus hingewiesen, daß wir doch auch unsere Synagogen im gothischen, romanischen, maurischen Stil erbauten. Was bei der neuen Predigt befremdete, das

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