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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 107

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums
Date
1903-01-01
Page
Seite 107 (sequence 4)
Language
German
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107 Fabeln, Parabeln, Erzählungen, die sie bei ihren Ausführungen einstreuen, von solch geschlossener Einheit und sagen wir auch Schönheit, daß sie für sich allein betrachtet, als Kunstwerke erscheinen, die uns jene Predigt, die nach griechischem Muster gehalten wurde, reichlich auswiegen. Wir meinen die philosophierende Predigt der alexandrinischen Juden, die in Philo gipfelte. Von ihr, aber auch von den Agadisten, lernten die ersten christlichen Prediger, was wir aus dem Grunde hervorheben wollen, um nochmals die Predigt als eine jüdische Schöpfung festzustellen. Zum Glücke hielten sich die meisten Agadisten von den Alexandrinern fern, und so entwickelte sich ihr Vortrag zwar nur als Schrifterklärung, dafür aber ganz eigenartig, ganz aus dem jüdischen Volksgeiste heraus. Die Sammlung der Agada, Midrasch genannt, bildete in der Folgezeit eine Fundgrube für die Homiletiker, dem einem bald alles gebend, dem andern Stützpunkte bietend, bis endlich auf dem dritten klassischen Boden jüdischen Geisteslebens die Predigt in unserem Sinne hervortrat. In Jberien, wo allgemeine Bildung, zu der Reinheit der Sprache gehörte, als Voraussetzung galt, gewann die Predigt jene Gestalt, daß sie vorbildlich wirken konnte. Sie fand denn auch eine Pflegestätte in Italien und in allen den Ländern, wohin die Spanier gekommen waren. Ein trauriges Bild bieten uns die Juden in Deutschland und Polen. Die Leidenszeit während des Mittelalters ließ bei ihnen einen künstlerischen Sinn nicht aufkommen; ibre Sprache mußte entarten, da ihnen das Kulturleben verschlossen war. Trotzdem war die Anregung, die von spanischen Predigern des Orients nach, Deutschland und Polen gedrungen war, keine vergebliche; im 17. und 18. Jahrhundert begegnen wir beachtenswerten Leistungen. Zu einer vollen künstlerischen Abrundung war aber auch nicht die spanische Predigt und noch weniger ihre Nachbildung gelangt — erst nach einem mehr als 2000jährigen Ringen erblühte die Predigt als Kunstwerk auf dem vierten klassischen Boden des Judentums, in dem Vaterlande von Moses Mendelssohn. Freilich erschien zuerst die Predigt wie eine fremde

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