Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 3)
- Language
- German
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106 Straf- und Mahnredm, zu denen die Zustände während des ganzen ersten Staatslebens die Veranlassung gegeben hatten. Da kamen die Tage des babylonischen Exils, die im Volke eine Sinnesänderung bewirkten. Die Propheten der exilischen Zeit stimmen bereits den Ton der Predigt an; doch erst mit der Rückkehr aus dem babylonischen Exil beginnt die eigentliche Geschichte der Predigt, wie uns Zunz die gottesdienstlichen Vorträge der Juden historisch entwickelt. In der Synagoge, die sich neben dem zweiten Tempel erhob, wurden innerhalb des Gebetkultus Vorlesungen aus der Lehre und den Propheten abgehalten, an die sich eine Übersetzung in der dem Volke geläufigen Verkehrssprache und eine erläuternde Anrede anschloß. Hier hätten wir also die erste Kanzel, hier erlangt zum ersten Mal jenes Gebot, das die Predigt zu einer mosaischen Institution stempelt, eine praktische Erfüllung, das Gebot nämlich, regelmäßig zu gewissen Zeiten das Volk zu versammeln, um es zu belehren und zur Vollziehung des göttlichen Willens anzuleiten. Der Ausbau des Religionsgesetzes, den wir unter dem Namen „mündliche Tradition" oder „Talmud" begreifen, erforderte aber bald eine eigene Stätte, und so entstand wiederum neben der Synagoge das Lehrhaus, mit dem das Katheder gegeben war. Ihm gehörte die Halacha, die alles Religionsgesetzliche umfaßte, der Kanzel diente vornehmlich die Agada, die dem Verlangen des Volksgemütes nach dem Gottesworte entgegenkam. Daß dem Katheder schließlich nur die Lehrjünger, der Kanzel aber das Volk zuströmte, lag in der Natur der Sache. Als der Agadist R. Abbahu und der Halachist R. Chija zu gleicher Zeit an einem Orte Vorträge hielten, da drängte sich das Volk nur zu dem Agadisten. So war es in Palästina. Der große Gesetzeslehrer Rab, der dem Volke Rechnung tragen wollte, eröffnete zweimal im Jahre einen populären Vortragscyklus, zu dem sich oft mehr als 2000 Zuhörer einfanden. Auch seine öffentlichen Vorträge vor jedem Feste zogen das ganze Volk heran. So war es in Babylon. Bei den Agadisten finden wir bereits treffliche Bemerkungen hinsichts der Theorie der Rede, ja selbst eine gewisse Architektonik. Doch davon abgesehen, so sind schon die