Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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105 Daß ein Volk, dessen Lebenselement das Gotteswort ist, gerade auf. dem Gebiete der Rede Großes leisten mußte, ja noch mehr, daß es hier selbst das klassische Volk der Kunst überflügeln mußte, dafür haben wir nur die eine Erklärung: ein Gottesmann spricht ganz anders als ein Volksmann. Es ist wahr, „nur das Herz und die Kraft des Geistes macht beredt", allein „große Beredsamkeit wird, wie die Flamme, durch den Stoff genährt, durch Auflegung belebt und leuchtet auf im verzehrenden Brennen." Etwas anderes als der der Griechen, als das numine aölatur der Römer, ist der israelitische Prophetendrang. „In meinem Herzen wars", sagt Jeremia, „wie ein lodernd Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen. Ich habe mich abgemüht, es zu ertragen, ich Habs nicht gekonnt." Oder wie Habakuk sagt: „Aus meine Warte will ich treten, mich auf den Turm stellen, ich will ausschauen, was mir der Herr sagen wird und was ich zu verkünden habe." „Eine Gabe Gottes," sagt Jesaia, „ist jene Redegewalt, die durch das Wort die Müden zu stärken vermag. Der Herr weckt mich jeden Morgen, er weckt mein Ohr, daß ich auf ihn höre, und ich bin nicht taub gewesen, ich wich nicht zurück." Die religiöse Beredsamkeit steht am höchsten, weil sie den erhabensten Inhalt hat; ihre Sprache erlangt darum die höchste Ausdrucksfähigkeit. Den Himmel und die Erde ruft Mose an, daß sie aufhorchten, wenn er den Namen Gottes verkündet. Und da rieselt die Belehrung dem Regen gleich, die Worte träufeln wie Tau, wie Gewitterschauer aufs Grüne, wie Tropfen auf die Flur. „Ja, wie Regen und Schnee, die vom Himmel fallen, dahin nicht zurückkehren, sie hätten denn die Erde getränkt und befruchtet und sprossen lassen, und dem'Sämann Samen gebracht und Brot, so ists auch mit dem Gottesworte: es bleibt nicht ohne Wirkung, es verhallt nicht, ohne den Willen Gottes vollbracht zu haben." , Immerhin können wir bei den Propheten noch nicht an eine bestimmte Redestätte denken. Sie waren nicht an einen Ort gebunden, sie redeten vor Fürsten und Volk, wie es gerade der Augenblick erforderte. Ihre Reden waren noch nicht Predigten im landläusigen Sinne, es waren zumeist