Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Über die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 12)
- Language
- German
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102 Renaissance, mit der Entthronung des Aristoteles auch der Führer des Maimonides mehr in den Hintergrund trat, beginnt die Kabbala auch auf nichtjüdische Kreise eine mächtige Anziehungskraft auszuüben, und hat für das Geistesleben jener Zeit eine noch immer nicht hinreichend gewürdigte Bedeutung gewonnen. Jüdische Gelehrte waren es, die dem christlichen Abendland die Kenntnis der Litteratur der Griechen und Araber vermittelten. Ihnen verdanken die Theologen der europäischen Christenheit zum großen Teil ihre Kenntnisse auf den Gebieten der Philosophie, Medizin, Mathematik, der Astronomie, der Geschichte und Sprachwissenschaft. Durch die Bekanntschaft mit den Werken der jüdischen Exegeten des Mittelalters ist den christlichen Theologen erst das richtige Verständnis der Bibel wieder erschlossen worden. Man braucht nur die beharrlich an dem Wortsinne vorbeigehende typische und allegorische Schriftauslegung eines Albertus Magnus, Bonaventura und Anderer mit den Bibelkommentaren eines Raschi und Jbn Esra zu vergleichen, um zu ermessen, was es für die Christenheit bedeutete, als sie durch Nikolaus von Lyra und Andere mit der Art der jüdischen Schriftauslegung bekannt wurde. Ohne diese, einer Wiederentdeckung der Bibel gleichkommende Bekanntschaft mit den Meisterwerken der jüdischen Exegese hätte es vielleicht keinen Luther und keinen Melanchthon gegeben. Es würde mich zu weit führen, Ihnen den Einfluß des Judentums ans andern Kulturgebieten in gleicher Weise vor Augen zu führen. Das Judentum, so wiederhole ich, dauert fort, weil es seine Weltmission noch nicht beendet hat, weil es für die fortschreitende Entwicklung des Menschengeschlechts noch immer nicht entbehrlich geworden ist. Und wohin zielen die kühnsten Aufklürungsversuche, die in der religiösen Bewegung unserer Zeit innerhalb der andern Gemeinschaften heroortreten, als auf die Loslösung des Gottesglaubens von den ihn trübenden späteren Zuthaten, auf die Wiederherstellung des reinen Gottesglaubens, wie ihn das Judentum der Welt gekündet hat? Das Judentum erhebt trotzdem nicht den Anspruch, die alleinseligmachende Religion zu sein. Die Frommen aller Völker haben nach der Lehre des Juden-