Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Über die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111078-3112168--1579-3112284- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
101 Aber nicht nur innerhalb seiner eigenen Grenzen hat das Judentum seine Wirkungsfähigkeit nicht eingebüßt, sondern auch nach außen hin hat diese als innerlich erstarrt und erstorben hingestellte Gemeinschaft eine mächtige Wirkung ausgeübt, und ist bis auf den heutigen Tag ein Kulturfaktor geblieben, Lessen die Menschheit zu ihrer fortschreitenden Entwicklung nicht entraten kann. Aus der Vereinigung des Judentums mit dem Hellenismus ist die jüdisch-alexandrinische Philosophie hervorgegangen, die als ein Kind der Fremde aus dem Geistesleben des Judentums allerdings bald zurückgedrängt wurde und für dessen spätere Entwicklung keine maßgebende Bedeutung gewonnen hat, aber durch den Einfluß, den sie auf die Litteratur des Urchristentums und auf die Kirchenväter ausübte, zu einem bedeutsamen Faktor in der Entwicklung der christlichen Kirchenlehre geworden ist. Und ähnlich verhält es sich mit der zweiten großen Weltreligion, dem Islam, der bekanntlich nicht nur aus der Bibel, sondern auch aus der späteren Litteratur des Judentums wesentliche Momente in sich ausgenommen hat. Die großen Theologen des 13. Jahrhunderts, in denen die christliche Scholastik des Mittelalters den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht, stehen unter dem Einfluß jüdischer Denker, denen sie zum Teil ihr Bestes verdanken. Von den beiden Orden, in denen sich das wissenschaftliche Leben jener Zeit konzentrierte, wandeln die Theologen des Franziskanerordens in den Spuren des Avicebron, d. i. des Salomon ibn Gabirol, und die des Dominikanerordens in den Spuren des Rabbi Moyses Aegyptius, das ist des Moses Maimonides. Als in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts von seiten der Kirche gegen die Verbreitung der Lehre des Aristoteles Widerspruch erhoben wurde, zeigte Maimonides, wie man bis zu einer gewissen Grenze dem Aristoteles folgen könne, ohne doch mit den Glaubenslehren der Bibel in Widerstreit zu geraten. Männer wie Alexander von Hales, Albertus Magnus und Thomas von Aquino sind in der spekulativen Auffassung der biblischen Glaubenslehre die gelehrigen Schüler unseres Maimonides geworden, ohne ihn jedoch an geistiger Unabhängigkeit und Weite des Blickes zu erreichen. Als aber im . Ausgang des Mittelalters, in der Periode der