Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Über die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 10)
- Language
- German
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100 hochfliegende Ideale zu ersinnen, an denen vielleicht in besonders gehobenen Stunden das Gemüt der Gläubigen sich berauschen mag, die aber, weil sie über did thatsächlichen Bedingungen des Lebens sich hinwegsetzen, auch ohne Einwirkung auf das Leben bleiben, die, weil sie Unmögliches fordern, auf die Ausbildung des moralischen Charakters keinen Einfluß gewinnen. Auch die religiösen und sittlichen Ideale des Judentums sind nicht immer zur vollen Verwirklichung gelangt. Aber niemals hat innerhalb des Judentums zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen den Forderungen der Religion und deren Betätigung im Leben eine so tiefe und unüberbrückbare Kluft bestanden, wie wir sie, nicht zur Ehre der Religion, in anderen religiösen Gemeinschaften wahrnehmen können. Die Ethik des Judentums ist immer auf reale und erreichbare Ziele gerichtet gewesen; und darum ist sie auch so tief in das Volk eingedrungen. Sie hm sich nicht mit der Aufstellung bloßer Ideale begnügt, sondern sie wußte dieselben auch den wirklichen Verhältnissen anzupassen. Und gerade das soviel geschmähte Ceremonialgesetz hat dazu beigetragen, die Ideale des Judentums in das Leben seiner Bekenner einzuführen. Das Judentum mit seiner tiefen Erkenntnis der menschlichen Natur war sich der Notwendigkeit bewußt, auch den Anforderungen unserer Sinnlichkeit, der irdischen Seite des Menschen, Rechnung zu tragen und gewissermaßen eine Vermittlung zwischen dem sensuellen und spirituellen Wesen des Menschen anzustreben. Himmelnde Andächtelei ist dem Geiste des Judentums fremd geblieben, weil es den Schwerpunkt der religiösen Uebung niemals ausschließlich in das Gotteshaus verlegt hat. Den Tempel in der Familie aufzubauen, das war das Prinzip des Judentums; deshalb hat sich die Lehre des Judentums in reale Formen gekleidet, um sich nicht zu ungreifbaren Luftgebilden zu verflüchtigen. Das ist die Tendenz des jüdischen Ceremonialgesetzes, das die religiösen und sittlichen Ideale unserer Lehre nicht verdrängen, sondern vielmehr umgekehrt zu lebendiger Ausprägung bringen will. Weil das Judentum sich nicht gescheut hat, eine Gesetzesreligion zu sein, darum hat es auf seine Bekenner eine so mächtige, durch ein beispielloses Martyrium bezeugte Wirkung ausgeübt.